Postbürokratisches Organisieren. Judith Muster - Rezension - xm-institute - Dr. Oliver MackDas heutige Buch ist neu im Herbst 2021 bei Vahlen erschienen. Unter dem trendigen und doch wissenschaftlich fundierten Titel verbirgt sich der spannende Untertitel „Formen und Folgen agiler Arbeitsweisen“. Die Herausgeber Judith Muster, Finn-Rasmus Bull und Jens Kapitzky haben in diesem Sammelband zahlreiche Beiträge zu Facetten der agilen Diskussion zusammengetragen. Alle drei Autoren arbeiten in unterschiedlichen Rollen für das Beratungs- und Trainingsunternehmen “Metaplan”. Ein weiteres Beraterbuch, so könnte man meinen. Doch weit gefehlt: Hinter dem unscheinbaren Titel verbergen sich kontroverse und tiefgründige Beiträge zur aktuellen Diskussion um agile und neue Arbeitsformen. Doch gleich dazu mehr…

Die Inhalte

Auf knapp 250 Seiten finden sich farblich markiert vier Hauptkapitel und insgesamt 13 Hauptbeiträge. Jedes Kapitel beginnt ferner mit einem Zitat und endet mit einem Epilog. Bevor wir uns den einzelnen Themenfeldern widmen, etwas zur Gesamtstruktur. Das Buch ist von drei Hauptsträngen durchzogen, die mir äußerst gut gefallen haben:

  • Praxis: Ein erster Strang sind Praxisbeiträge, gefühlt vor allem aus dem öffentlich-rechtlichen Umfeld. Hier werden Experimente beschrieben, in denen Organisationen postbürokratische Ansätze ausprobieren und sich aus ihrer Sicht heraus zu den Erfahrungen ihrer Transformation äußern. Diese zeigen stellvertretend und konkret die Ziele wie auch die Herausforderungen, denen sich aktuell viele Organisationen gegenübersehen.
  • Theorie: In einem zweiten Strang kommen immer wieder Wissenschaftler, besonders Soziologen, wie Ortmann, Kühl oder Kette zu Wort, um den einen oder anderen Blick auf die vermeintlich modernen Konzepte zu werfen.
  • Metaplan: Aufgrund der Herkunft der Herausgeber nicht unbedingt verwunderlich, befassen sich einige wenige Beiträge mit einem Blick auf die Geschichte und Gedanken zu Metaplan bzw. dem Vorläufer, des Quickborner Teams. Sie beschreiben, wie dieses bereits frühzeitig von einem Büroausstatter zu einem echten Arbeitsgestalter wurde und sich bereits in den 70er Jahren umfassend und theoretisch fundiert mit modernen Arbeitsformen auseinandergesetzt hat.

Diese Hauptstränge durchziehen die vier Themenbereiche wie ein verflochtenes Band, das immer wieder eine andere Facette des Themas zum Vorschein bringt und kritisch hinterfragt. Die Praxis zeigt Hoffnungen und Ziele, die Theorie und Geschichte reflektiert, das “Alles-Schon-Einmal-Da-Gewesene” und die Grenzen oder Ernüchterung aus Sicht der Theorie.

Doch noch zu den vier behandelten Themenbereichen. Sie sind weniger an aktuellen Konzepten als an aktuellen Problem- und Handlungsfeldern orientiert, an denen sich die aktuellen Konzepte (wieder einmal) abarbeiten:

  • Interaktionen: Bei diesem Hauptkapitel geht es um Themen wie ein Erfahrungsbericht zur abgebrochenen Einführung von Holacracy, der Kontext-spezifischen Re-definition von “Agilität” in einer Bank sowie der Rückblick auf die Anfänge des Quickborner Teams, in denen agile Aspekte ohne Benennung bereits in den 60er und 70er Jahren zu finden waren. Die Darstellung umfasst Aspekte wie Raumkonzept, Spiel, Akteursbetrachtung, Regeln oder die  Visualisierung und Lernen mit der Verknüpfung zur Interaktion.  
  • Hierarchieabbau: Im Praxisbeitrag gehts um die agile Werkshalle in einem Siemens Gasturbinenwerk. Dann geht weiter mit der Projektorganisation im öffentlich-rechtlichen Medienumfeld. Ein geschichtlicher Abriss zum Thema Agilität und agile Methoden in der Softwareentwicklung gibt umfangreiche Einblicke in die Entstehung der agilen Bewegung. Abschließend reflektiert Sven Kette über das Problem der Initiative in Organisationen und warum deren Wunsch ein anspruchsvolles Ziel aber auch ein zweischneidiges Schwert sein kann. 
  • Managementmoden: Bei der Analyse aktueller Management-Konzepte darf der Blickwinkel aus der Sicht von Managementmethoden nicht fehlen. Ein weiterer Beitrag aus den öffentlich.rechtlichen Medien beschreibt Postbürokratie für die digitale Transformation beim MDR. Ein weiterer Kurzbeitrag beleuchtet die Work Awesome Konferenzen. Abschließend diskutiert Günther Ortmann in einem umfassenden Theoriebeitrag Agilität versus Hierarchie. Er bewegt dabei ebenso die Hierarchie aus der Ecke des Buhmanns in ein ausbalancierteres Licht, wie er auch das Konzept der Ambidextrie in diesem Kontext beleuchtet.  
  • Zweckidentifikationen: Purpose-Orientierung ist in postbürokratischen Organisationen ein großes Thema. Der erste Beitrag, ein Praxisbeitrag, beschreibt Working Out Loud bei Bosch. Es folgen Sabine und Alexander Kluge mit einer Beschreibung ihrer Grasswurzelbewegungen (Link zur Buchbesprechung auf xm-institute). Abschließend beschreibt und bewertet Stefan Kühl aus soziologischer Sicht heraus das Thema “Purpose” und stellt dabei nicht zuletzt fest, dass es sich dabei um das nicht so neue Thema “Zweckorientierung” handelt und nicht so einfach wie in vielen aktuellen Büchern zum Thema beschrieben für eine Organisation zu lösen ist.

Das Fazit

Zunächst ging ich mit einer gewissen Vorsicht an diese Buch heran. War es doch wieder einmal ein Buch zu einem bereits doch so ausführlich besprochenen Thema. Doch ich wurde schnell sehr positiv überrascht und bereits bei der Durchsicht des Inhaltsverzeichnisses und einiger Autoren wurde ich neugierig. Und ich wurde nicht enttäuscht. Die Theoriebeiträge, vor allem mit einem soziologischen Blick auf das Thema öffnen dem Leser die Augen für eine differenziertere und nachdenklichere Herangehensweise an das Thema. Und auch die Praxisbeiträge liefern die eine oder andere interessante neue Einsicht in aktuelle Transformationsprozesse. Ich habe das Buch daher regelrecht verschlungen. Die soziologische Brille auf Organisationen, die dieses Buch vorrangig aufsetzt, lernte ich in den vergangenen zwei Jahrzehnten meiner Tätigkeit als Berater von Führungskräften und Führungsteams immer mehr zu schätzen. 

Es sei somit allen Beratern aber auch mutigen Führungskräften und HR Experten empfohlen, die sich differenzierter mit aktuellen Organisationskonzepten auseinandersetzen wollen und bereit sind, sich und die aktuell “modernen” Managementmoden zu hinterfragen. Daher sei das Buch auch den vielen “New Work”, “Agile” und “Design Thinking” Agenturen empfohlen, deren Geschäftsmodell auf der Hoffnung auf Neues und der oft kritischen Bewertung des Alten oder Bestehenden beruht. Doch Achtung: Man könnte feststellen, dass die eine oder andere Idee doch nicht so neu und doch nicht so bedingungslos toll und nützlich ist, wie man sie in der eigenen Euphorie und Färbung schnell verkauft.

Somit: Eine uneingeschränkte Leseempfehlung. Glückwunsch an die Herausgeber für dieses aus meiner Sicht sehr gelungene Buch.

Muster, J./ Bull, F.-R./ Kapitzk, J. (2021). Postbürokratisches Organisieren. Vahlen: München.

Anmerkung zur Transparenz: Das Buch wurde dem Autor dieses Artikels vom Verlag kostenlos zur Rezension zur Verfügung gestellt. Die Meinung des Autors ist hiervon jedoch nicht beeinflusst.