Feldbrügge - Systemisches Prozessmanagement - Rezension - xm-institute - Dr. Oliver MackHeute geht es um ein weiteres Buch, das in der systemischen blauen Reihe bei Schäffer-Poeschel soeben erschienen ist. Rainer Feldbrügge ist Organisationsberater mit Schwerpunkt Prozessmanagement.

Das Buch umfasst rund 270 Seiten, hat ein umfangreiches Stichwort und 2,5 Seiten Literaturverzeichnis. Das Buch ist in das digitale “Schäffer-Poeschel myBook” Programm integriert und es werden weitere Materialien versprochen. Hinter einem Code verbergen sich dann zwei Powerpoint-Präsentationen, die das Buch ergänzen. Einerseits eine Einführung mit 133 Powerpoint Folien zum Thema “BPMN” sowie andererseits eine Powerpoint mit allen Abbildungen aus dem Buch. Beides sehr wertvolle und sehr nützliche Zugaben, so wie ich finde. Dies ist bei derartigen Angeboten nicht immer der Fall. Doch steigen wir in die Inhalte des Buches ein. 

Der Inhalt

Der Untertitel des Buchs lautet “Unternehmen digitalisieren – Teams mobilisieren”. Jeder kennt das Problem, dass häufig Prozesse nur auf dem Papier stehen und in der Realität des Unternehmensalltags so nicht gelebt werden. Laut Vorwort geht es im Buch darum, zu schauen, wie Mitarbeitende Freude an den häufig für das Funktionieren komplexer Organisationen so wichtigen Prozessen bekommen können.

Nach einer Einleitung mit den Grundlagen zum Begriff des systemischen Prozessmanagements sowie weiterer Begrifflichkeiten ist das Buch in zwei Hauptteile und 6 bzw. 5 Unterkapitel gegliedert.

Teil 1 – “Das Rüstzeug” beschäftigt sich mit den Grundlagen. Hierbei werden Fragen beantwortet, wie

  • Gibt es Prozesse wirklich (Kap. 2),
  • Prozesse und Führung (Kap. 3),
  • Was heißt Verantwortung allgemein und Prozessverantwortung im Speziellen? (Kap. 4),
  • Das Ohr für die Bassmelodie – oder wie ich es sagen würde das Lesen zwischen den Prozessmanagement-Zeilen mit Aspekten, wie Kultur, Resilienz und Agilität (Kap. 5),
  • Wie geht Veränderung? (Kap. 7), sowie
  • Prozessmanagement als Teamentwicklung (Kap. 8).

Schön finde ich, dass hierbei nicht mit der klassischen Naivität des Prozessingenieurs an dieses Thema herangegangen wird: “Die Vorstellung, man könne einen »Prozess abbilden« ist irrig, wenn der Prozess erst beim Draufschauen entsteht. Vorher gab es eine nicht einheitlich verstandene Zusammenarbeit, die irgendwie (mehr oder weniger) funktioniert. Da ist kein Prozess, den man »aufnehmen« oder »abbilden« könnte.” (Feldbrügge, 2021, S. 32). So unterscheidet das Autor dann auch nicht zwischen Ist- und Sollprozessen. So unterstütze ich voll den Ansatz, den das Autor als Statt-Dessen wählt: „Wenn Prozesse nur Konstrukte sind, dann besteht ihr Wert darin, dass sich Beteiligte in einer Zusammenarbeit auf ein gemeinsames Konstrukt einigen. Dann können sie sinnvoll darüber sprechen, wie diese Zusammenarbeit in der Zukunft aussehen soll. Der Weg dahin geht über verschiedene Stadien, die in jedem Projekt mehr oder weniger deutlich ausgeprägt sind.” (Feldbrügge, 2021, S. 34). Dennoch stellt der Autor immer wieder verbindende und trennende Elemente zu anderen Prozessmanagement-Ansätzen heraus und schafft so gut die Vernetzung zu diesen.

Neben diesem sehr prozessnahen Blick gehts ebenso um andere Themen, wie Kultur, Führung, Change oder Teamentwicklung, die mit einer systemischen Brille im Kontext des Prozessmanagements beleuchtet werden. Gerade den letzten Punkt finde ich besonders aus meinem SySt(r) Hintergrund einen spannenden Aspekt, der in vielen anderen Büchern zum Prozessmanagement zu kurz kommt: Es bedarf eines Teams, auch wenn es um Prozessmanagement geht. Dieses ist allerdings im Gegensatz zu den Abteilungsteams nur recht schwach bis gar nicht ausgeprägt. „Wenn wir die Form der Zusammenarbeit in einem Prozess verändern (verbessern) wollen, dann müssen wir die Dynamik und die Stabilität des Prozessteams berücksichtigen – auch wenn das Prozessteam als solches noch gar nicht in Erscheinung tritt oder bisher niemandem bewusst ist.” (Feldbrügge, 2021, S. 116) Am Ende des ersten Teils kommt dem Retaming-Ansatz besondere Bedeutung zu, da dieser Teil 2 als Basis dient.

Teil 2 “Das Handwerkszeug” beschäftigt sich dann nach den Grundlagen mit konkreten Ideen, wie Prozessmanagement in einer Organisation systemischer erfolgen kann. So ist dieser Teil in fünf Kapitel unterteilt:

  • Die Teams mobilisieren (Kap. 8)
  • Den Prozess verstehen (Kap. 9)
  • Prozesse modellieren (Kap. 10)
  • Mit Modellen arbeiten (Kap. 11)
  • Prozesse digitalisieren (Kap. 12)

Die Kapitel in diesem zweiten Teil behalten Beispiele und Blaupausen für systemisch-lösungsfokussiertes Arbeiten im Prozessmanagement-Kontext. Einiges ist allgemein gehalten und anderes fokussiert spezifisch auf Prozessmanagement. Doch nicht nur systemische Aspekte finden Erwähnung: Klassische Prozessanalyse, Customer Journey oder Prozessoptimierung. Auch dem Thema BPMN 2 Prozess-Modellierung ist ein umfangreiches Kapitel gewidmet, in die Notation ausführlich beschrieben wird. Auch wird dann tiefer in die Grenze zwischen Technik und Organisation eingestiegen. Keine Angst, es geht nicht um die technischen Feinheiten, sondern die Kapitel schaffen ein gutes Verständnis für systemische Berater, die an der Schnittstelle zur Technik arbeiten dürfen. So stellt der Autor zum Beispiel die interessante Frage als Unterkapitel: “Ist Software ein mechanisches oder soziales System?” SO gehts abschließend dann auch um die Frage der “Digitalisierung”, in der auch das Thema “Design Thinking”, Anforderungsmanagement oder die agile parallele Entwicklung von Prozessmodell und Software.

Das Buch schließt mit einem einseitigen Schlusskapitel ab.

Das Fazit

Alles in allem empfinde ich dieses Buch als sehr lesenswerte Lektüre für alle, die mit Prozessmodellierung und Prozessmanagement zu tun haben. Es greift die Lücken bestehender Prozessmanagement-Literatur gezielt uf und verbindet in sehr praxisorientierter Art und Weise systemisches Gedankengut mit dem häufig noch sehr mechanistischen Prozessmanagement. Es sei daher allen Berater:innen, seien es systemische. Prozessberater oder IT/Business Berater empfohlen. Ebenso hilfreich könnte es für unternehmensinterne Qualitätsmanager:innen, Prozessmanager:innen oder IT/Digitalisierungs-Experten sein, die sich mit der Erhebung, Verbesserung oder Digitalisierung von Geschäftsprozessen beschäftigen. Das Buch hat mich persönlich, nachdem ich zunächst geplant hatte, es für diese Rezension nur zu überfliegen dann doch so in seinen Bann gezogen, dass ich es mit intensiver von Beginn zum Ende zu Gemüte geführt habe: Ich habe es n kleinster Weise bereut und hatte sogar an der einen oder anderen Stelle trotz der trockenen Materie eine echte Freude. Glückwunsch zum guten Buch!  

Feldbrügge, Rainer (2021). Systemisches Prozessmanagement. Schäffer-Poeschel.

Anmerkung zur Transparenz: Das Buch wurde dem Autor dieses Artikels vom Verlag kostenlos zur Rezension zur Verfügung gestellt. Die Meinung des Autors ist hiervon jedoch nicht beeinflusst.