Die Humanisierung der Organisation - Judith Muster - Rezension - xm-institute - Dr. Oliver MackDie Autor*innen und das Buch

Dieses Buch ist von Kurzem bei Vahlen erschienen und kommt in einem Format und Design, das gut in die Sommer-Urlaubszeit passt. Es ist handlich und mit einem schönen Textileinband versehen. Für mich also definitiv eine empfohlene Reiselektüre (doch zum Fazit erst am Ende)…

Das Autor*innen-Trio aus dem Wirtschafts-Ethiker Kai Matthiesen, der Organisationssoziologin Judith Muster und dem Journalisten Peter Laudenbach beschreibt ihr Buch als eine verschlungene Entstehungsgeschichte von Beratungspraxis, Theorieaffinität und Interesse an Niklas Luhmann’s Blick auf Organisationen. Geworden ist daraus ein schönes Werk mit rund 250 Seiten, das nicht nur für Theorieinteressierte lesenswert scheint.

Die Inhalte

Das Buch gliedert sich in zwei ungleich große Teile, die von einer Einleitung und einem Schlusskapitel eingeschlossen werden.

In der Einleitung führt das Rio zunächst kurz (15 Seiten) ins Organisationsverständnis nach Luhmann ein, da das weitere Buch auf diesem aufbaut. Luhmann sieht – und das ist für Außenstehende zunächst ungewöhnlich – Menschen nicht als Teil der Organisation, sondern als deren Umwelt an. Dies führt dazu, dass das Wechselspiel zwischen Mensch und Organisation als komplexe Dynamik beschrieben und beobachtet werden kann. Organisationen bekommen so als Kommunikationssysteme eine Art eigene Identität parallel zu den in ihnen Arbeitenden Menschen. Nimmt man nun noch die Idee hinzu, dass Organisationen in der Regel als wichtiges konstituierendes Merkmal die Mitgliedschaft haben, so sind alle Aspekte gegeben, die es uns ermöglichen, tiefer in dieses Wechselspiel zwischen Mensch, Mitglied und Organisation einzusteigen, der auch im Titel bereits deutlich wird.

Der erste Teil des Buches widmet sich der Problemdiagnose des Themas im Sinne der Unterscheidung von Mensch und Organisation und deren Auswirkungen, wenn diese Unterscheidungen keine Berücksichtigung finden. Er ist mit dem Titel “Die Organisation und ihre Mitglieder” überschrieben. So thematisieren die Autor*innen bereits zu Beginn, das es einen Unterschied macht, ob man als Mitglied oder Mensch mit einer Organisation in Kontakt tritt. Gerade die aktuelle Diskussion nach Purpose und der Idee, den Menschen als Ganzes in die Organisation zu bringen, kann als übergriffig und in vielen Fällen als dysfunktional beschrieben werden. Auf 64 Seiten wird dieses Verhältnis in fünf Kapiteln mit folgenden selbstsprechenden Überschriften behandelt:

  • Der ganze Mensch und andere Irrtümer: Warum Organisationsmitglieder etwas anderes als Menschen sind – und weshalb dies nicht unmenschlich ist
  • Warum sachlich, wenn es auch persönlich geht: Weshalb Organisationen Fehler lieber bei ihren Mitgliedern suchen, als bei sich selbst.
  • Mein Verhalten, die Verhältnisse und ich: Wie Verhalten Erwartungen formt – und wie die Verhältnisse das Verhalten prägen.
  • Das ging an deine Privatadresse: Wenn Freunde und Familienangehörige eine Organisation prägen, kann es kompliziert werden.
  • Harmonie wird überschätzt: Weshalb Spannungen in der Organisation unvermeidlich, sinnvoll und notwendig sind.

Im zweiten Teil des Buches geht es sodann um die Frage, “wie Organisationen auf den Versuch (oder die Versuchung) verzichten, Organisationsmitglieder als “ganze Menschen” zu beanspruchen.” (Matthiesen, et al., 2022, S. 15) Dieses fast 160 Seiten lange Kapitel trägt den Titel “Die Mitglieder und ihre Organisation”.

Hierbei geht es in 10 Kapiteln um folgende Aspekte von Organisationen:

  • Das Wechselspiel von Formalität und Informalität: Wie die Organisation ihre Regeln durchsetzt – und weshalb Regeln nicht alles regeln.
  • Nicht einhaltbare Regeln: Wie die Formalität zum Erpressungsinstrument, zum Selbstzweck oder zum Sargnagel der Organisation wird.
  • Brauchbare Illegalität: Wieso jede Organisation Mitglieder braucht, die sich nicht immer an Regeln halten.
  • Elementare Verhaltensweisen: Wie in der Gesellschaft geläufiges Verhalten in die Organisation schwappt.
  • Streitet euch!: Weshalb es anstrengend, aber notwendig ist, Widersprüche der Arbeitsteilung auszubalancieren.
  • Superman wohnt hier nicht mehr: Weshalb Führung überall und nicht nur in der Hierarchie stattfindet.
  • Interaktion: Lass uns drüber reden: Wieso sich nicht alles durch offene Gespräche lösen lässt und vieles dadurch erst recht kompliziert wird.
  • Das Theater der Organisation (und die Organisation des Theaters): Wieso Büros, Werkshallen und Konferenzräume Bühnen sind (und Bühnen Organisationen).
  • Fasadenarbeiten: Wieso die Schauseite glänzen muss – und was dabei schief gehen kann.
  • Besuch in Kafkas Schloss: Weshalb manche Desaster-Organisationen nicht zu ändern sind – und man sie nur resigniert ertragen oder verlassen kann.

Der Schlussteil “(Kein) Ende” mit seinen 7 Seiten und dem Kapitel “Die Humanisierung der Organisation; Wie man dem Menschen gerecht wird, indem man den Großteil seines Wesens ignoriert” rundet das Buch mit einem Schlussplädoyer ab, das die Frage beantwortet, ob es um eine Humanisierung von Organisationen als solche geht, oder aber ob Organisationen selbst nicht die Humanisierung von Arbeit darstellen (können).

Das Fazit

Ein wundervolles Buch, das sich tiefgründig, theoriefundiert und praxisnah in die Veröffentlichungen von Judith Muster und ihren Kollegen einreiht. Es beschreibt auf Basis der Theoriebasis Luhmanns wunderbar das Wesen von Organisationen mit all ihren Widersprüchen. Dabei stellt dieses Buch vor allem die Facetten der Beziehung zwischen Mensch – Mitglied – Organisation in den Mittelpunkt und adressiert daher auf wunderbare Weise auch das Schlüsselthema “Formalität – Informalität” in Organisationen. Trotz des Rückgriffs auf Soziologieklassiker rechnet das Buch auch mit aktuellen Managementmoden, wie Holacracy, Selbstorganisation, Tischkickern oder Fuck-up Nights ab. Oder nein, besser: es weist sie in die Schranken in einem Sinne, dass nicht nur die vermeintlichen Vorteile als teilweise nicht haltbar entlarvt werden, sondern auch die mit ihnen verbundenen Nachteile aufgezeigt und mit Systemtheorie und Praxisbeispielen begründet werden. Trotz der hohen Theoriefundierung ist das Buch in keinster Weise theoretisch. Viele Praxis-Beispiele, Geschichten und Anekdoten lassen Organisationsdilemmata lebendig werden und erzeugen neben einem Schmunzeln auch Betroffenheit und Nachdenklichkeit über den Organisationsalltag. Allzu häufig findet man sich selbst oder eine bereits erlebte Situation in der einen oder anderen Geschichte wieder.

Alles in allem ist dieses Buch für mich bisher das Sommer-Highlight. Es sei allen Führungskräften, Organisations- und HR-Expert*innen und Berater*innen ans Herz gelegt, die sich mit dem Thema Organisation beschäftigen. Es ist kurzweilig, interessant und erhellend zugleich. Glückwunsch.  

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Matthiesen, K./ Muster, J./ Laudenbach, P. (2022). Die Humanisierung der Organisation. Vahlen: München.

Anmerkung zur Transparenz: Das Buch wurde dem Autor dieses Artikels vom Verlag kostenlos zur Rezension zur Verfügung gestellt. Die Meinung des Autors ist hiervon jedoch nicht beeinflusst.