Thought Bites - Exaptation - Oliver Mack xm-instituteExaptation ist ein Begriff aus der (Evolutions-)Biologie. Er beschreibt den Prozess in der Entwicklung, in dem bestimmte Eigenschaften für eine andere Funktion nutzbar gemacht werden, als sie ursprünglich gedacht waren. Um dies besser zu verstehen, hier zwei Beispiele:

  • Federn waren bei Dinosauriern zunächst für die Temperatur-Regulation gedacht, wie ein Fell. Im Laufe der Zeit nutzten einige Arten die mit Federn bedeckten Flügel, um zu gleiten und dann zu fliegen. (Snowden, 2012a) Somit wurden die bereits vorhandenen Federn für einen anderen Zweck verwendet und entwickelten sich so weiter. Sie waren aber bereits in anderer Funktion vorhanden. Dave Snowden sagen sinngemäß hierzu:Auch wenn die Dinosaurier 1000 mal von einer Klippe gesprungen wären, wären ihnen keine Federn gewachsen und sie hätten das Fliegen nicht gelernt.
  • Die Zunge war ursprünglich dafür gedacht, besser an Nahrung zu kommen und diese Nahrung aufzunehmen und als letzte Instanz mit dem Geschmackssinn vor dem Hals festzustellen, ob diese giftig ist. Erst später ermöglichte sie uns als sehr flexibler Muskel die Verständigung und damit das Sprechen. Sie wurde nicht für das Sprechen erfunden, war aber schon da und so konnte sich das Sprechen entwickeln.

Somit lässt sich die Exaptation von der Adaption unterscheiden (Gould & Vrba, 1982):

  • Eine Exaptation ist ein Merkmal, das für andere Zwecke entwickelt/entworfen wurde und später für seine aktuelle Funktion „übernommen“ wurde.
  • Eine Adaption (Anpassung) wurde speziell für die Aufgabe entwickelt, die sie erfüllt, oder durch natürliche Auslese für die Funktion, die sie jetzt erfüllt, „gebaut“.

In der Biologie wird der Begriff seit längerem breiter diskutiert. In der Evolution ging es vielleicht nicht um die “Survival of the fittest”, sondern um “The survival of the fortuitous”. (Snowden, 2012b). 

Doch der Begriff kann auch auf komplexe soziale Systeme übertragen werden. Hier steckt die Diskussion jedoch noch in den Kinderschuhen. Panagiotou (2021) betont beispielsweise, dass von Menschen gemachte Systeme sich von anderen komplexen Systemen dadurch unterscheiden, dass sie einem bestimmten Zweck folgen, aber hieraus nicht der Trugschluss entstehen sollte, dass diese auch zukünftig immer genau diesem einen Zweck dienen müssen. Entwicklungen in der Vergangenheit können als Rahmen verstanden werden, der die Entwicklung des komplexen Systems zwar in eine gewisse Richtung lenkt, es können aber immer neue Funktionen als alten Merkmalen entdeckt werden und entstehen. Komplexe soziale Systeme haben so, wenn sie einen gewissen Freiraum besitzen, die Möglichkeit, über Exaptation neue Funktionen auszubilden. Gerade da wir am xm-institute Organisationen als komplexe lebendige soziale Systeme verstehen, könnte die Idee der Exaptation hier interessante Felder eröffnen. 

Doch wo ist dies konkret in der wirtschaftlichen Praxis nützlich:

Innovationsmanagement: Innovationen sollten weniger als ein planbarer Prozess verstanden werden, der starr, klar definierbar und gestaltbar ist. Vielmehr ergeben sich neue Innovationen aus bereits vorhandenen Merkmalen, die für andere Zwecke entwickelt wurden und dann mit einer neuen oder anderen Funktion übernommen wurden. Es geht beim Innovationsmanagement somit darum, aus Bestehendem neue Muster und Strukturen zu erkennen oder zu denken. Stellt man sich die Frage, wie dies am Besten gelingen kann, so geht es weniger um das systematische mechanistische Arbeiten, als vielmehr um die Schaffung hilfreicher Kontextbedingungen, in denen dies besser oder eher gelingen kann. Der Zustand, der dies erleichtert kann als Flow (Csikszentmihalyi) beschrieben werden. Man muss zwar nicht so weit gehen wie John Vervaeke, der in der Geschichte die Brücke von Flow zu Schamanen schlägt, die in der Lage waren, sich durch spezifische Praktiken oder Hilfsmittel in spezifische Flow Zustände zu bringen, um Dinge klarer oder eben “anders” zu sehen. (So konnten sie z.B. im Flow Tierfährten besser lesen, als andere, die andere nicht sahen. Oder sie konnten vermutlich aufgrund eines erhöhten emphatischen Einfühlungsvermögens im Flow Menschen heilen – weniger durch Wunder, sondern vielmehr durch Placebo-Effekte, die so besonders stark wirkten.) Exaptation im Innovationsmanagement lenkt somit den Blick weniger auf „Heureka-Momente“ des völlig Neuen, als vielmehr auf die Schaffung des richtigen Kontext Neues in Bestehendem zu erkennen.

Changemanagement: Nutzen wir die Idee der Exaptation im Change Management, finde ich vor allem zwei Aspekte spannend: Erstens sind Organisationen wie auch Veränderungsprojekte vom Menschen gemachte komplexe Systeme und folgen bestimmten Zielen oder Zwecken. So können Eigenschaften der Organisation, die in der Vergangenheit mit einem bestimmten Zweck geschaffen wurden und vielleicht nun in ihrer ursprünglichen Form disfunktional geworden sind, können vielleicht in Zukunft neue Funktionen erfüllen. Oder Dinge, die in der Vergangenheit eine Funktion erfüllt haben, erfüllen inzwischen keinerlei Funktion mehr (siehe das Konzept des Skeumorphismus in der Architektur und dem Design). So braucht es vielleicht auch hier weniger das völlig Neue, sondern eher auch die Neuinterpretation des bestehenden. Möchte man Exaptation im Change nutzen, helfen vor allem genügend Freiräume und genügend Zeit, neue Muster und Funktionen bestehender Merkmale zu entdecken und sozusagen nicht die Kultur der Organisation völlig neu definieren zu wollen. Interessant finde ich zum zweiten ebenso den Aspekt, den Panagiotou (2021) aufwirft, indem sie die Kraft betont, die ein Shift von der Frage “Wofür und mit was ist der Sinn?” In bestimmten Situationen durch die Frage ersetzt “Was tut es konkret und aus welchen Kräften ist es entstanden?”. Dies schützt vor Übersimplifizierung und relativiert aus meiner Sicht die aktuelle Purpose-Diskussion ein wenig.

Über Gedanken und weitere Ideen hierzu freue ich mich wie immer auf dem Blog. Weitere Gedanken von mir gibts zu einem späteren Zeitpunkt.

 

Gould, S. J. (1991). Exaptation: A crucial tool for an evolutionary psychology. Journal of social issues, 47(3), 43-65.

Gould, S. J., & Vrba, E. S. (1982). Exaptation—a missing term in the science of form. Paleobiology, 8(1), 4-15.

Panagiotou, A. (2021). How the elephant got his trunk: what evolution can teach us about complexity. TheCynefin.co Blog. https://thecynefin.co/what-evolution-can-teach-us-about-complexity/ Received: 20.04.2022.

Snowden, D. (2012a). Exaptation & managed serendipity: I. TheCynefin.co Blog. https://thecynefin.co/exaptation-managed-serendipity-part-i/ Received: 20.04.2022.

Snowden, D. (2012b). Exaptation & managed serendipity: II. TheCynefin.co Blog. https://thecynefin.co/exaptation-managed-serendipity-part-i/ Received: 20.04.2022.

Vervaeke, J. (2019).  Ep. 2 – Awakening from the Meaning Crisis – Flow, Metaphor, and the Axial Revolution. https://youtu.be/aF9HeXg65AE  Received: 20.04.2022.