Im heutigen Research Bite geht es um eine Reihe klassischer Untersuchungen aus dem Bereich der Netzwerkanalyse, einem Ansatz, den wir auch am xm:institute gerne in Projekten für Business-Kunden nutzen.

Der Soziologe Scott Feld bezeichnete 1991 als Erster ein Phänomen als „Freundschafts-Paradoxon“, was schon länger im Rahmen von Untersuchungen sozialer Netzwerke bekannt war: Es beschreibt den Effekt, dass man häufig das Gefühl hat, dass die eigenen Freunde mehr Freunde haben, als man selbst. Und dies lässt sich mit Zahlen auch nachweisen: Im Durchschnitt haben unsere Freunde tatsächlich mehr Freunde, als man selbst. Was auf den ersten Blick eigenartig scheint, ist auf den zweiten Blick ganz einfach: In sozialen Netzwerken sind in der Regel sehr populäre Menschen wiederum auf vielen weiteren Freundschaftslisten und Menschen mit weniger Freunden auch auf weniger anderen Freundschaftslisten vertreten, was dazu führt, dass populäre Menschen überproportional, weniger populäre Menschen unterproportional repräsentiert sind.

Praktische Relevanz hat dieses Phänomen auch: Wer hat im Privaten nicht schon von seinen Kindern gehört, dass „alle in der Schule ein iPhone haben“ oder „zu einer Party gehen dürfen, nur ich nicht!“. Im Beruflichen scheinen „alle auf der Liste für die Gehaltserhöhung, nur ich nicht!“.

Populäre Menschen determinieren damit überproportional die Wahrnehmung und setzen stärker Verhaltensnormen als weniger populäre.

Im Business hat dieses Paradoxon besondere Relevanz für Führungskräfte. Diese stehen in der Regel unter deutlich stärkerer Beobachtung als andere Mitarbeiter. Haben sie auch nach Außen entsprechende Popularität (z.B. Medienwirksame Vorstände, etc.), so können sie deutlich leichter Trends in einer Industrie setzen oder Management-Moden erzeugen, als weniger populäre Unternehmensführer. Doch nicht nur populäre und in der Top-Management Community vernetzte Manager zählen zu den „Meinungsmachern“. Innerhalb des Unternehmens befinden sich viele „populäre graue Eminenzen“, denen gerade in komlexen Transformations-Projekten eine hohe Bedeutung zukommt und die bisher häufig eher vernachlässigt werden oder unsystematisch adressiert werden. Somit ist der reine Blick auf die formale Hierarchie nicht immer die Richtige. Um dies herauszufinden hilft eine Netzwerkanalyse und das Netzwerkmaß der „Degree Centrality“, die wir am xm:institute neben anderen Netzwerkmaßen nutzen. 

Quellen:

Feld, Scott L. (1991). “Why Your Friends Have More Friends than You Do.” American Journal of Sociology, Vol. 96 (6), pp. 1464–77.

Jackson, M.O. (2019). The Human Network: How we‘re connected and why it matters. Atlantic Books, London.