Der Autor und das Thema

Ingo Hamm - Sinnlos Glücklich - Rezension - Dr. Oliver Mack - xm-instituteDas heutige Buch beschäftigt sich mit dem doch noch immer sehr aktuellen Thema “Purpose” und trägt den Untertitel „Wie man auch ohne Purpose Erfüllung bei der Arbeit findet“. Geschrieben wurde es von Ingo Hamm, Wirtschaftspsychologe und Professor an der Hochschule Darmstadt, Ex-McKinsey Berater und ebenso wie ich Absolvent an der ehrwürdigen Universität Mannheim. Also mehr als ein Grund, sich das Buch einmal genauer anzusehen. Es ist Ende November 2021 im Vahlen Verlag erschienen.

Als ich die ersten Seiten des Buchs gelesen hatte, kam mir sofort folgender Gedanke: Der Autor hat sicherlich vor dem Schreiben einen Ratgeber zum Thema “Wie schreibe ich einen Bestseller” gelesen. In diesen gibt es häufig folgende Empfehlungen, die mir beim Lesen der ersten Seiten in den Sinn kamen:

  • Für ein erfolgreiches Buch musst Du entweder einen Trend frühzeitig oder in besonderer Form aufgreifen, dem aktuell Alle nachlaufen. Oder du machst das Gegenteil und formulierst bewusst eine Gegenthese zu diesem Trend, vertrittst diese vehement und baust hierzu ein Buch. Ingo Hamm scheint hier dem zweiten Ansatz zu folgen und konstatiert radikal, dass die aktuelle “Purpose”-Euphorie in dieser Art weder gerechtfertigt noch nützlich ist.
  • Weiters benötigt es für den Bestseller einen kessen und spritzigen Schreibstil, der nicht zu akademisch und sachlich, sondern eher unterhaltsam daher kommt, aber die Thesen dennoch mit ausreichend Studienergebnissen und vielen Beispielen belegt. Auch dies trifft bei den ersten Seiten dieses Buchs zu. Bereits im Vorwort holt einen das Buch mit einer für mich teilweise an Boulevard erinnernde Sprache ab, die man mögen muss und die ich nicht erwartet hätte. Ein Beispiel: “(…)Der Purpose ist der neue Heilige Gral des westlichen Arbeitslebens. Die Arbeitgeber verbiegen sich geradezu in millionenschweren Werbekampagnen für den Nachweis, dass sie ab sofort nur noch Jobs anbieten, die Sinn machen, die Welt und die Robben-Babys retten. Sogar Waffenhersteller behaupten das neuerdings mit einer Chuzpe, die Baron Münchhausen wie den Wächter der Wahrheit aussehen lässt. Arbeit muss Sinn machen. Das ist das neue Evangelium des Proletariats. Tatsächlich? Im Gegenteil.
    Die meisten Jobs, die vierfarbig-hochglänzend Sinnerfüllung versprechen, sind ausgemachter Etikettenschwindel. Auch wenn sie es nicht wären: Das Purpose-Konzept selbst ist nicht sinnvoll, sondern grenzdebil, geradezu irre.“ (Hamm, 2022, 12)

Doch bitte nicht zu voreilig: Wer nur so oberflächlich und plump auf dieses Buch schaut, tut ihm meines Erachtens wirklich unrecht. Die Inhalte sind in ihrer Aufbereitung von Anfang bis Ende wirklich unterhaltsam und kurzweilig zu lesen, sehr gut fundiert und die generelle Botschaft, die Hamm mit seinem Buch zum Thema “Purpose” gibt, kann ich ebenso so auch voll unterschreiben. Hamm stellt nicht nur eine starke Gegenthese zur aktuellen Purpose Manie auf. Das Buch ist gut recherchiert und ausreichend mit Quellen hinterlegt. 

Doch ich möchte mein abschließendes Fazit nicht vorwegnehmen. Gehen wir zunächst in die äußere Form, Struktur und Inhalte: Das Buch umfasst rund 260 Seiten. Ein 8-seitiges Literaturverzeichnis und Fußnoten helfen, Quellen und Studien selbst weiter zu vertiefen. 

Die Inhalte

Das Buch gliedert sich in 7 Hauptkapitel, die jeweils in weitere kurze Unterkapitel und diese wiederum in mit Überschriften beschriftete Unterabschnitte untergliedert sind:

  • Kapitel I “Der Unsinn mit dem Sinn” mit knapp 20 Seiten gibt gleich richtig Gas und macht umgehend mit verschiedensten Beispielen und Argumenten deutlich, was der Autor von der aktuellen Purpose-Euphorie hält, nämlich recht wenig.
  • Im Kapitel II “Warum überhaupt Sinn?” geht Hamm, wie der Titel vermuten lässt, auf rund 50 Seiten der Frage nach, was wohl der Grund für das aktuelle Aufflammen von Purpose als Management-Mode sein könnte. Bereits zu Beginn identifiziert der Autor die Existenzangst der Menschen in der aktuell sich immer schneller wandelnden Welt als möglichen Auslöser der Euphorie. Auch greift er weitere aktuelle gesellschaftliche Trends und Tendenzen auf, die das aktuelle Wirtschafts- und Arbeitsgeschehen prägen. Einige haben mich an Aspekte erinnert, die auch Gunter Dueck im einen oder anderen seiner Bücher herausgearbeitet hat. Auch die Frage nach Fremdbestimmtheit oder Selbstbestimmung identifiziert er als kritischen Aspekt. Ein weiteres Unterkapitel beschäftigt sich mit der Übertragung des Sinnbegriffs vom Individuum auf die Organisation. Im vierten Unterkapitel stellt Hamm dann die Frage nach der Abgrenzung von Sinn und Moral und im Anschluss geht es unter anderem noch um das breite Feld der Sinnfrage im Kontext von New Work und co.
  • “Die Psychologie kennt keinen Sinn” heißt Kapitel III. In diesem Kapitel gehts nun auf rund 45 Seiten es um die Frage, ob uns als Menschen wirklich letztendlich immer nur der Sinn antreibt oder ob es aus der Psychologie heraus erklärt auch andere Antreiber und Motivationen geben kann. Auch das Flow-Konzept von Mihaly Csikszentmihalyi wird als besonderes Schlüsselerleben beschrieben, das nicht unbedingt “Sinn” als Basis braucht. So räumt dieses Kapitel klar damit auf, dass es zwingend immer einenSinn braucht, um Freude und Motivation an der eigenen Arbeit zu erleben. Dies dürfte gerade Unternehmen und deren Führungskräfte freuen, in denen Mitarbeiter an einigen Stellen Arbeiten verrichten, die sich mit “Sinn” schwer in Einklang bringen lassen.
  • Kapitel IV “Die Philosophie kennt viel mehr als Sinn” fokussiert mit 20 Seiten auf die philosophischen Aspekte von Sinn. Über den Existenzialismus und die Metapher des Sisyphos kommt Hamm zu einem wichtigen Schluss, dem ich mich nur anschließen kann: Das Leben an sich HAT keinen Sinn, man kann ihm nur einen GEBEN. Die Wurzel eines sinnvollen und glücklichen Lebens liegt damit nicht in der Sinnstiftung durch Unternehmen und Führungskräfte, sondern vielmehr in der Sinngebung eines jeden einzelnen Menschen.
  • Im Kapitel V nun “Arbeit neu denken – ohne Sinn” geht es darum, nun das Prinzip des Existenzialismus auf die Arbeitswelt zu übertragen und klar vom “Noble Purpose” eines Unternehmens abzugrenzen. Während Hamm letzteres eher als “massenpopulären Marketing-Trick” bezeichnet, sieht er in ersterem eine Chance in der neuen Arbeitswelt. So endet Hamm nicht mit einem Anprangern der aktuellen Purpose Bewegung, sondern bietet Ideen zu einer alternativen Sichtweise. Für ihn stellt sich hierbei mehr als “richtige” Frage die Frage nach Zufriedenheit und Begeisterung bei der Arbeit, als nach Sinn per se. Und hier gibts viele Ansatzpunkte, auch aus der Forschung und wissenschaftlichen Literatur.
  • Um genau diese gehts im Kapitel VI. “Sisyphos 1.0 – Die Lust zu bewegen”. Über Sisyphos und putzende Professoren arbeitet der Autor heraus, dass Arbeit keinen Sinn macht, sondern der Sinn ist. Über den Psychologen und Begründer der Logotherapie Viktor E. Frankl, die positive Psychologie und deren Ansatz Stärken-  und Tugend-orientierter Fokussierung nähert sich Hamm dann auch Ideen, wie dies zu erreichen ist.
  • Im abschließenden Kapitel VII “Selbst Sinn und Glück finden – einige Anregungen” gibt der Autor noch einige Anregungen, wie man selbst zum eigenen Lebenssinn finden kann, und ohne den “Noble Purpose“ eines Unternehmens glücklich leben und motiviert arbeiten kann.

Das Fazit

Für mich hat es zunächst beim Lesen eine kurze Zeit gebraucht, meine erste, oben geschilderte innere Reaktion zu überwinden. Dann aber habe ich das Buch wirklich in vollen Zügen genossen. Viele Beispiele, zahlreiche Studien und ein Ergebnis, dem ich mich nur anschließen kann. Dass der Aufriss und das Problematisieren des Themas aus meiner Wahrnehmung knapp 50% des Buches einnehmen (wenn auch mit sehr lehrreichen Exkursen), ist für mich persönlich etwas zu lang geraten. Ob somit dann die Quintessenz und Schlüsselidee des Buches nicht auch in dem vom Autor verfassten Artikel “Glücklich ohne Purpose”, erschienen in der Februar 2022 Ausgabe der Zeitschrift “managerSeminare”, in ihren Grundzügen ausreichend dargestellt wird, mag jeder selbst vergleichen. Wer jedoch eine gute „Extended Version“ wünscht, wer gerne liest, wer einen anspruchsvollen Inhalt von einem Experten gut verpackt genießen möchte und wer schon immer zögerlich hinsichtlich der Management-Mode “Purpose” war und hierfür Bestätigung und eine fundierte Untermauerung sucht, dem sei dieses Buch wärmstens empfohlen. Und ich nehme mir mit, dass wissenschaftliche Literatur nicht immer “brot-trocken” serviert werden muss. ;-)

Hamm, Ingo (2022). Sinnlos glücklich. Verlag Vahlen.

Anmerkung zur Transparenz: Das Buch wurde dem Autor dieses Artikels vom Verlag kostenlos zur Rezension zur Verfügung gestellt. Die Meinung des Autors ist hiervon jedoch nicht beeinflusst.