Jo Aschenbrenner - For PurposeHeute gehts um ein Buch, das sich in die Rubrik “New Work” und “Holacracy” einreihen lässt. Die Autorin, Jo Aschenbrenner ist vom Hintergrund Juristin und Partnerin von encode.org, einer Beratung, die die im Buch beschriebenen “For-Purpose-Strukturen” FPE- For-Purpose-Enterprise) bei. Unternehmen aufbaut. 

In der Einleitung wird eine erste Idee vom Inhalt des Buches gegeben. Die Autorin sieht die “For-Purpose-Organisation” als ein “neuen Betriebssystems für Unternehmen”. Dabei stützt sie sich vorrangig auf das Holacracy-Konzept von Brain Robertson und sieht ihr Konzept als eine Weiterentwicklung desselben an. Diese Nähe wird in ihrem Buch sehr deutlich und es macht den Leser zu Beginn bereits neugierig, wo die konkreten Unterschiede liegen.

Das Buch ist dann in 5 Hauptkapitel unterteilt. In einem ersten Kapitel beschreibt Aschenbrenner im Detail die vier Kernprinzipien ihrer “For-Purpose-Organisation”, die auch auf dem Klappentext bereits erwähnt sind:

  • Sinn als oberstes Ordnungsprinzip des Unternehmens etablieren
  • Alles Handeln agil und transparent gestalten
  • Arbeit und Mensch differenzieren und integrieren
  • Macht in der Organisation neu verteilen

Jedes Prinzip wird in Unterkapiteln anhand von drei Fragen systematisch erläutert: (1) Was ist die Bedeutung der jeweils verwendeten Begrifflichkeit? (2) Warum ist das Prinzip sinnvoll? (Begründungen und Belege aus der Vergangenheit) und (3) Wozu dient das Prinzip? (Blick in die Zukunft). Die einzelnen Prinzipien sind gut beschrieben. Begriffe, wie Agil, VUKA, Reinventing Organizations, Purpose-Orientierung, etc. sind verarbeitet  und mit zahlreichen Belegen und Referenzen zu aktueller Literatur versehen. Auch hier wird die Nähe zur Holacracy deutlich. Hat man Zweifel an der Funktionsfähigkeit von Holacracy, könnte man ebenso Zweifel an For-Purpose entwickeln. Ich hätte mir als Leser hier eine tiefere Abgrenzung erwartet, besonders an Punkten, an denen Holacracy häufig kritisiert wird. Als Beispiel sei hier der Aspekt der Trennung von Arbeit und Mensch genannt. Gerade hier soll sich For-Purpose insofern von Holacracy abgrenzen, als dass erstere eine höhere Wertschätzung für den Menschen hat, indem sie durch eine „zentral verankerte Haltung … eines Ausdrucks expliziter Offenheit für alles Menschliche“ glänzt. Hier hätte ich mir mehr Konkretes zum Wie erwartet, aber ich bleibe gespannt, ob dies in den Folgekapiteln aufgegriffen und tiefer konkretisiert wird.

Das Kapitel 2 trägt die Überschrift “Wo Management war, ist jetzt Selbstorganisation”. Es geht tiefer auf die Unterschiede zwischen klassischem Management hierarchisch-tayloristischer Prägung und der Idee der Selbstorganisation ein, die wesentlicher Bestandteil einer “For-Purpose” Organisation sein soll. Dabei wird die Metapher des “Lebendigen Systems” propagiert, der ich, nicht zuletzt aufgrund unseres “xm:institute Living System Models” gut folgen kann. Auch wird ein neues, dynamischeres Strategieverständnis propagiert und der Abschied von Führungskräften als konkrete Rolle. Im Anschluss wird es für mich wieder spannender, da nun das oben genannte Thema der Unterschiede zu Holacracy wieder aufgegriffen wird. Am Beispiel des Startups encode.org, zu dem auch die Autorin gehört, werden die Ursprünge der For-Purpose Organisation genauer beschrieben, nämlich die Lücke des Menschlichen und die Lücke der Eigentümerstrukturen in der klassischen Holacracy. Damit wird auch die weitere Struktur des Buches deutlich: In den drei Folgekapiteln geht es nun um drei gleichwertige Kontexte: (1) Der Kontext der Arbeit (2) der Kontext Recht und (3) der Kontext Mensch, die in FPE gleichwertig nebeneinander stehen.

Im dritten Kapitel wird zunächst das Thema Arbeit und Vergütung behandelt. Dieses stützt sich, stark auf die Idee der Holacracy-Praxis. Auch hier werden häufig diskutierte Vorbehalte gegenüber Holacracy deutlich dargestellt, wie diese entkräftet werden, wird mir jedoch auch hier nicht komplett klar. Im weiteren Verlauf geht es dann in einer guten praktischen Übersicht um Kreis-Strukturen, Meetings und Governance-Prozesse, die Holacracy ausmachen. 

Das vierte Kapitel dreht sich um das Thema Recht und Beteiligung. Hier wird klar dargestellt, wie sich die aktuelle rechtliche Lage für die Realisierung einer FPE darstellt. Auch geht es um die rechtliche Sicht von Gewinnbeteiligung und Kapitalbeteiligung und die Ausgestaltung von Gesellschafterverträgen. Ein äußerst hilfreiches Kapitel, das ich in dieser Detailliertet noch bei keinem anderen Buch zu diesem Thema gesehen habe.

Im Kapitel 5 gehts nun um den Kontext Mensch. Hier war ich nun sehr gespannt, da das Thema ja immer als Differenzierung des FPE zur Holacracy genannt wurde. Das Kapitel startet mit einigen Ideen zu formalen Rollen und Prozessen, die den Faktor Mensch in den Mittelpunkt rücken. In einem weiteren Schritt geht es dann um das Thema Kultur und Menschenbild, wie es in einer FPE verankert sein sollte. Hierbei geht es wieder stark um das Thema Sinn, nicht nur auf Unternehmensebene, sondern auch auf individueller Ebene. Auch das Thema Respekt vor Unterschiedlichkeit der Menschen wird hier adressiert. Ferner werden einige praktische Ideen zur Umsetzung dieser Ansätze im FPE Alltag beschrieben. Abschließend geht es in diesem Kapitel noch um das Thema persönliche Entwicklung. 

Alles in Allem blieb der Spannungsbogen also in diesem Buch von Beginn (vage Andeutungen zu Unterschieden der Holacracy) über die Mitte (neues zum Thema rechtliche Dimension) bis zum Ende (konkrete Ergänzungen im Kontext Mensch) aufrecht. Man kann also FPE wirklich als klare Erweiterung und Fortentwicklung von Holacracy in diesem Buch erkennen. Daher aufbauend auf dem Werk von Brian Robertson, aber auch als Stand-Alone ein empfehlenswertes Buch. Mit seinen 170 Seiten gut lesbar und voller Ideen. 

Dennoch stellt sich mir weiterhin auch nach diesem Buch die Frage, für welche Arten von Unternehmen dieses neue Betriebssystem geeignet ist: Die Beispiele fokussieren stark auf kleine und überschaubare Organisationsgrößen, in denen eine hierarchische Struktur auch ohne For-Purpose eine geringere Rolle spielt. Ich würde daher die For-Purpose Organisation weniger der klassischen hierarchischen Organisation, als vielmehr der Eigentümer-Unternehmer-Gründerzentrierten Struktur gegenüberstellen. Gerade in Beratungs- und professionellen Serviceumfeldern, in denen sonst viele Experten in einer netzwerkartigen, rechtlich selbstständigen Struktur unter einem Dach zusammenarbeiten, scheint mir diese Form eine tolle Option. Glückwunsch. Klare Leseempfehlung!

Aschenbrenner, Jo. For Purpose: Ein neues Betriebssystem für Unternehmen. 1. Auflage. München: Vahlen, Franz, 2019.

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