Einen von mir sehr geschätzter Soziologe und Organisationswissenschaftler, Prof. Stefan Kühl, verfolge ich nunmehr seit über zwei Jahrzehnten. Sein 1994 erschienenes Buch “Wenn die Affen den Zoo regieren”, ist seit Jahren ein ständiger Begleiter und war seiner Zeit weit voraus. Es beschäftigt sich in kritisch reflektierender Art und Weise mit dem Thema Hierarchie und Selbstorganisation, das heute moderner den je ist.

In diesem Research Bite möchte ich mich jedoch mit einer Klassifizierung beschäftigen, die Stefan Kühl in anderen Veröffentlichungen verwendet hat und die mir auch in der organisationalen Praxis schon häufig sehr nützlich war: Die drei Seiten einer Organisation.(z.B. Kühl,  2011)

Hernach kann man das Handeln und Agieren in Organisationen von drei Seiten aus betrachten (Kühl,  2011):

  1. Die Formale Seite:
    Jede Organisation besitzt eine formale Seite. Sie besteht aus der offiziellen Governance – Regeln, an die sich alle Mitglieder der Organisation gebunden fühlen müssen, da die Organisation sonst nicht funktionieren kann. Gerade neue Mitglieder orientieren sich zunächst an diesen Regeln, um die Organisation zu begreifen. Diese machen auch die Strukturen der Organisation aus und stellen eine relativ beständige Ordnung her. Sie setzen den Rahmen, schränken das Handeln ein und sind damit sozusagen die “entschiedenen Entscheidungsprämissen”. Sie helfen der Organisation und ihren Mitgliedern, nicht immer wieder aufs Neue alles neu hinterfragen zu müssen und stellen so die Effizienz in Organisationen sicher. Organisationen mit viel Struktur und Governance, wie Behörden,  bauen auf diese der Organisation und stellen so die Nachvollziehbarkeit und Prozessklarheit sicher. Fehlverhalten kann von der Organisation klar sanktioniert werden. Gerade in Organisationen mit wenig “Struktur” stellt sich neben der Stabilität die Frage, wie ein Sanktionieren möglich wird.  
  1. Die Informale Seite:
    Diese Seite der Organisation beschreibt, wie diese “tatsächlich tickt”. Vieles an erwartetem Verhalten der Mitglieder ist nicht in den Governance Richtlinien festgeschrieben und dennoch gesetzt. Wer sitzt wo? Wer begrüßt wen zuerst? usw. Häufig wird auch von der “Unterwelt” doer “Hinterbühne” der Organisation, oder schlicht von der Organisationskultur gesprochen. Diese informelle Seite sind nach Luhmann sogenannte nicht entscheidbare Entscheidungsprämissen. Sie lassen sich nicht so einfach festlegen und entziehen sich der direkten Beeinflussung und Entscheidung (sonst wären sie ja formal 😉 ) Viele Dinge in Organisationen können nicht formalisiert werden (tacit knowledge) oder werden nicht formalisiert (Überbürokratisierung, Aufwand). Dennoch ist es für Mitglieder wichtig, diese Seite zu kennen und zu verstehen, um sich gut in der Organisation zu bewegen und auf Akzeptanz zu stoßen. 
  1. Die Schauseite:
    Diese Seite der Organisation beschreibt die “Disco-Dancer-Seite” der Organisation. Sie versucht die Organisation nach Außen in einem geeigneten Licht erstrahlen zu lassen. Eine Organisation braucht neue Mitglieder, muss ihre Services verkaufen, muss sich gegenüber verschiedensten Stakeholdergruppen darstellen. Hierzu wird die Fassade kräftig aufgehübscht, um entsprechend zu gefallen, und nicht selten entstehen, wenn man nicht aufpasst, zwei unterschiedliche Welten. Auch Berater können ein Lied davon singen, dass teilweise Projekte mehr gestartet werden, um nach Außen zu wirken, als tatsächlich nach Innen zu verändern.

Insgesamt ist die Unterscheidung in die drei Seiten der Organisation sehr nützlich. Sie sind allerdings eng miteinander verwoben. Gerade für Transformationsprojekte hilft diese Unterscheidung, immer alle Facetten als Beobachter und Berater gut im Blick zu behalten und vermeintliche Widerstände oder irrationales Handeln unter einem anderen Licht zu sehen.

Viel mehr Details und Facetten gibt in den zahlreichen Veröffentlichungen von Stefan Kühl….

Quellen

Kühl, S. (2011). Organisationen: eine sehr kurze Einführung. Springer-Verlag.