Nun schon seit fast einem Jahr sind wir mit der COVID-19 Ausbreitung in einer anderen Welt. Dinge, die wir bisher als „normal“ und selbstverständlich gehalten haben, sind inzwischen die Ausnahme: Ausgehen, sich mit Freunden treffen, auf größere Veranstaltungen gehen, etc. Auch wenn uns die Lockdowns und Einschränkungen so wichtig und notwendig sie sind, auf die Nerven gehen, so gab es doch auch das eine oder andere Positive an der Pandemie. Sie scheint als „Turbobeschleuniger“ der New Work und Digitalen Transformation gewirkt zu haben.

Unterscheiden wir drei Bereiche: Privater Bereich, Wirtschaft, Öffentlicher Bereich, Bildung. Mein Eindruck ist, dass wir hier sehr unterschiedlich unterwegs sind:

  • Privater Bereich: Hier haben zwar viele auf eine schnelle Besserung gehofft, waren aber dann schnell sehr flexibel und erfindungsreich, um neue Medien zu nutzen. So wurde der Besuch bei der Oma durch Facetime Videokonferenzen ersetzt, Zoom erlaubte virtuelle Weinproben und Kochevents, bei denen man endlich mal nicht nach Hause fahren muss und etwas trinken kann oder Online-Gaming-Abende mit Tischkameras und Gesellschaftsspielen. In vielen Haushalten, die bereits Breitband-Internet und IT-Ausstattung zu Hause hatten oder im Zuge eines Lockdowns erweitert haben, haben nun regelmäßige Online Treffen Einzug gehalten. Eine Spaltung verstärkt sich hier aus meiner Sicht zwischen eher wohlhabenderen Haushalten und Schlechterverdienern, die sich eine entsprechende Ausstattung nicht leisten können und so weiter von der Digitalen Transformation abgehängt werden. Doch lässt sich diese Lücke in vielen Fällen mit dem Mobiltelefon und ggf. einem HDMI-tauglichen Fernseher zumindest teilweise mit etwas IT-Know-how schließen.
  • Wirtschaft: Auch die Wirtschaft hat sich mit etwas zögerlichem Start in vielen Teilen auf die neue Situation gut eingestellt. So gibt es inzwischen neben Working From Home (WFH) zahlreiche Videokonferenzen und Online-Workshops. Ich selbst habe im letzten Jahr ab März lediglich einen Workshop physisch durchgeführt. Alle anderen Workshops mit bis zu 120 Personen liefen online. Doch auch hier ist eine Spaltung der Organisationen auf verschiedenen Ebenen zu verzeichnen:
    • Vorreiterunternehmen haben die Chance genutzt, mit Förderungen und schnellem Handeln in der Krise die Modernisierung ihrer Office IT Infrastruktur voranzutreiben. Ausstattung aller Mitarbeiter mit Laptops, Unterstützung bei schnellem Internet zu Hause, Schulung und Modernisierung der Kollaborationssoftware, wie Office 365, Zoom, MS Teams etc. Andere Organisation waren leider zögerlicher. Sei es aufgrund der Ängstlichkeit bzgl. Datenschutz und Datensicherheit oder weil sie gehofft hatten, schnell und ohne Investitionen in ein „altes Normal“ zurückzukehren.
    • Auch spalten sich gerade diejenigen Mitarbeiter, die mit ihrer Art der Tätigkeit von zu Hause aus arbeiten können und jenen, die weiterhin nur „im Werk“ tätig sein können, wie gewerbliche Arbeitskräfte, Personen mit körpernahen Dienstleistungen etc. Hier beginnt bereits die „Eifersucht“ zwischen den Fronten. In einem Unternehmen hörte ich die Aussage: „Ich will auch von zu Hause arbeiten. Ich stelle meine Garage für meine Maschine zur Verfügung, liefert mir doch regelmäßig Teile an.“ Wenn man länger darüber nachdenkt, gar nicht so unmöglich, war es doch in der Vergangenheit in vielen Branchen im Manufakturbetrieb üblich, ich von einer Werkstatt von zu Hause aus zu arbeiten. Vielleicht verändert sich die Organisationsstruktur zukünftig in eher vollautomatisierte Werkshallen, um die economies of scale zu halten und in Arbeiten, die eher durch Menschen in Manufakturmanier zu erbringen sind, die dann wieder eine größere räumliche Flexibilität auch im gewerblichen Bereich ermöglichen.
  • Öffentlicher Bereich: In der Verwaltung sehe ich große Defizite und Beharrlichkeit zu hoffen, dass es bald zurück zum „Old Normal“ geht. Ich erinnere mich gut an meine Zeit als Berater vor vielen Jahren im öffentlichen Sektor. Jede von uns vorgeschlagene Modernisierung und der vermehrte Einsatz von IT musste vor dem Personalrat in der Form begründet werden, dass nachgewiesen werden musste, dass ein Mensch ohne Computer diese Arbeit nicht durchführen kann. Diese Zeiten sind zwar lange her, aber ich denke dass die Haltung in der Verwaltung noch immer in einigen Bereichen vorherrscht. Gebündelt mit wenig Technologieaffinität und -euphorie und großen Ängsten zu Datenschutz und Datensicherheit – teils berechtigt, teils völlig überzogen, hinkt die Verwaltung noch weit hinterher. Es ist für mich erschreckend und unverständlich, wie es nicht gelingen kann, z.B. ohne Fax im Gesundheitsamt COVID Fallzahlen zu melden. Auch bleibt mir unklar, warum es nicht gelingt, Technologien, wie die COVID Warnapp oder aber ein Terminplanungssystem für die Impftermine bundesweit oder sogar europaweit auf die Beine zu stellen, wenn Startups in der Lage sind, ähnliche Dienstleistungen attraktiv, sicher und schnell global zu skalieren.
  • Bildung: Ähnliches was für die öffentliche Verwaltung gilt, sehe ich auch im Bildungsbereich. Hier scheint es nach meiner Subjektiven Einschätzung ein Gefälle, von sehr professionell agierenden Hochschulen und eher trägen vorgelagerten Schulstufen zu geben. Ich bin mir der Pauschalität bewusst und möchte mich daher direkt bei allen Grund-, Realschulen und Gymnasien entschuldigen, die das Homeschooling schnell auf professionelle Beine gestellt haben. Doch auch hier beharrt man eher auf der Vergangenheit, als die Chance zu nutzen, ein neues Lern- und Lehrzeitalter einzuläuten. Auch nach Covid wäre es doch denkbar, dass Schüler*innen nicht mehr 5-6 Stunden am Stück in Klassenzimmern sitzen müssen um sich Lehrer frontal anzuhören. Digitale Möglichkeiten bieten hier eine tolle Chance, ganz andere Lernformate aufzusetzen. Hochschulen sind hier teilweise super unterwegs. Ausreden, dass es nicht möglich ist oder man sich nicht eigenständig weiterbilden kann, gelten nicht mehr. Auf Youtube finden sich zu allen Themen so viele kostenlose Videos, dass Online-Teaching eigentlich für alle Lehrkräfte (zumindest was das Know-how angeht) möglich sein sollte.

Besonders beeindruckt hat mich das Video von Andrew Lo, der sehr detailliert und professionell über seinen Premium-Lehr-Setup am MIT berichtet:

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Und dass auch so trockener Stoff (sorry) wie Healthcare Finance digital sicherlich toll vermittelt werden kann, zeigt Prof. Lo in seinem zweiten Video:

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Ferner gibt es, neben den von Ihm vorgestellten Links zu weiteren Infovideos in den Kommentaren zahlreiche deutsch- und englischsprachige Videos zur Vertiefung.

Diese beiden Videos sollen stellvertretend als Beispiele stehen, um zu zeigen, wo wir bereits stehen und was alles möglich ist. Wenn man nicht gleich mit solch hohen Invests wie am MIT einsteigen will, gibt es Mengen an kostenloser Software, tolle Produkte zu günstigen Preise und viel Infos aus der Online-Gamer Community und der YouTube Community, die verschiedenste Setups darstellen und erklären.

Gerade in den aktuelle Lockdowns zeigt sich, wie hilfreich und einfach Technologie eingesetzt werden kann, um gut auch virtuell zu tagen, kommunizieren oder zu lehren. Auch wenn wir uns alle, auch ich, möglichst schnell wieder eine „neue Normalität“ zurück wünschen, wird hoffentlich einiges bleiben, von der räumlichen Freiheit und Flexibilität, gepaart mit der Möglichkeit trotzdem auch wieder persönlich und direkt näher in Kontakt zu kommen.