Die Autorin und das Buch
Die Autorin, Katja Ischebeck, nimmt sich eines wichtigen Problems an, das in Unternehmen erstaunlich verbreitet und erstaunlich wenig adressiert ist: 70 Prozent aller Konzepte scheitern. Nicht an mangelnder Fachkompetenz, sondern an unklaren Zielen, mangelnder Kommunikation und fehlendem Stakeholdermanagement – also an Versäumnissen, die sich mit etwas Systematik vermeiden ließen.
Das Buch trägt den Untertitel “Eine Praxisanleitung in 6 Schritten“, ist kompakte 160 Seiten lang und am 16.04.2026 als aktualisierte Neuausgabe des erstmals 2013 erschienen Buchs in der GABAL-Reihe “Whitebooks digital” erschienen. Es bietet über QR-Codes Zugang zu Checklisten, Vorlagen und Audio-Interviews.
Doch schauen wir zunächst auf die Autorin selbst: Katja Ischebeck ist Diplom-Psychologin und arbeitet seit über zwei Jahrzehnten als Beraterin, Trainerin und Coach mit Schwerpunkt auf Personalentwicklung und Konzeptarbeit. Vor ihrer Selbständigkeit sammelte sie langjährige internationale Erfahrung im Personalmanagement in unterschiedlichen Branchen.
In ihrem Buch liefert sie für das Problem der Konzeptentwicklung einen Sechs-Schritte-Fahrplan: von der Auftrags- und Zielklärung über Recherche, Ideenentwicklung und Strukturierung bis zur schriftlichen Darstellung und erfolgreichen Kommunikation des Konzepts. Die aktualisierte Neuauflage des 2013 erstmals erschienenen Titels ergänzt den bewährten Ansatz um ein Kapitel zur Nutzung von KI als Sparringspartner in der Konzeptarbeit. Gehen wir etwas tiefer in die Inhalte.
Die Inhalte
Ein paar Worte vorweg
Ischebeck rahmt das Thema aus ihrer langjährigen Erfahrung als Personalmanagerin, Beraterin und Trainerin. Die Einleitung macht transparent, dass Konzeptarbeit sowohl aus Führungs- als auch aus Mitarbeiterperspektive eine Schlüsselkompetenz ist und dass der Anteil konzeptioneller Arbeit bei Höherqualifizierten bereits bei 20 bis 40 Prozent liegt. Die Neuauflage wird als digitale Erweiterung positioniert, ergänzt um KI als neuen Baustein.
Was Sie über Konzepte wissen sollten
Das Einstiegskapitel klärt zunächst Grundsätzliches: Was ist ein Konzept, welche Arten gibt es, und warum scheitern sie so häufig? Besonders aufschlussreich ist die “Konzepttreppe”, die verschiedene Konzeptarten nach Detaillierungsgrad und Planungshorizont ordnet, vom Strategieszenario bis zum Maßnahmenkonzept. Die Feldstudie der Autorin (über 1.200 Befragte) zu Gründen des Scheiterns ist ein starkes empirisches Fundament. Mit dem ZEBRA-Prinzip (Zielorientiert, Empfängerorientiert, Beherzt auf den Punkt gebracht, Realistisch geplant, Auslöser für Aktivitäten) stellt Ischebeck einen einprägsamen “Konzept-TÜV” vor, der als roter Faden durch das gesamte Buch trägt.
Schritt 1: Auftrag und Ziel klären
Das mit Abstand wichtigste Kapitel. Zu Recht, denn unklare Ziele sind der häufigste Grund des Scheiterns. Ischebeck illustriert das Problem mit einem charmanten Fahrstuhl-Beispiel und arbeitet systematisch vier Arten von Unklarheit heraus: missverständliche Kommunikation, fehlende Verantwortungsübernahme, unklare Zielvorstellungen und unbewusste Erwartungen. Die siebenstufige Checkliste für das Auftragsgespräch und der Fragetrichter sind unmittelbar einsetzbare Werkzeuge.
Schritt 2: Informationen recherchieren und organisieren
Ischebeck stellt eine Drei-Schritte-Recherchestrategie vor: Orientierung schaffen, gezielt recherchieren, Ergebnisse dokumentieren. Neben klassischen Recherchetipps (Boolesche Operatoren, Quellenprüfung) werden drei Visualisierungstechniken für die Informationsstrukturierung eingeführt: Mindmapping, Concept-Mapping und Ursache-Wirkungs-Diagramme. Das neu hinzugefügte KI-Unterkapitel ordnet ChatGPT, Copilot und Co. als “kreativen Katalysator” ein – nützlich als Einstieg, aber naturgemäß schnell veraltet in einem gedruckten Medium.
Schritt 3: Ideen und Lösungen entwickeln
Ein anregendes Kapitel über Kreativität und Kreativitätstechniken. Ischebeck nutzt das BILD-Modell von Timo Off, um die verschiedenen Phasen des kreativen Prozesses – analytisch, kreativ, wieder analytisch – transparent zu machen. Die Auswahl der Kreativitätstechniken ist klug kuratiert: vom klassischen Brainstorming über die 635-Methode und die Force-Fit-Methode bis zur Kopfstandmethode (intuitive Methoden), ergänzt um Progressive Abstraktion, Kraftfeldanalyse (diskursive Methoden) sowie die Sechs-Denkhüte-Methode und die Walt-Disney-Strategie (kombinierte Methoden). Die Rätsel und Black Stories als Einstieg lockern das Kapitel auf und machen das Prinzip des “Denkrillen-Verlassens” erlebbar.
Schritt 4: Das Konzept schlüssig strukturieren
Hier stellt Ischebeck das Pyramidenprinzip nach Barbara Minto in den Mittelpunkt: Kernbotschaft herausarbeiten, Kernstruktur entwickeln, dann erst Details. Der “Küchenzuruf” nach Henri Nannen – die Reduktion auf das Wesentliche – ist ein eingängiges Bild, das sofort in die Praxis übertragbar ist. Das Brillant-Modell für den Gesamtaufbau (starker Einstieg, klare Struktur, gebündelter Abschluss) und die konkreten Konzeptvorlagen runden das Kapitel praxisnah ab. Für Leser, die Barbara Mintos “Pyramid Principle” nicht kennen, bietet dieses Kapitel eine kompakte und gut verständliche Einführung.
Schritt 5: Das Konzept überzeugend schriftlich darstellen
Das Kapitel verbindet Rhetorik (Aristoteles’ Logos, Ethos, Pathos) mit pragmatischer Schreibanleitung. Der Dreischritt – Empfängerperspektive einnehmen, Klartext schreiben, visualisieren – ist schlüssig aufgebaut. Besonders hilfreich ist die Differenzierung der drei Empfängergruppen (Entscheider, Beteiligte, Betroffene) mit ihren je eigenen Informationsbedürfnissen und Nutzenargumentationen. Das “Hamburger Verständlichkeitskonzept” mit seinen vier Kriterien (Einfachheit, Gliederung, Prägnanz, Anregung) bietet eine sofort anwendbare Checkliste für jeden Text.
Schritt 6: Das Konzept erfolgreich kommunizieren
Das abschließende Kapitel adressiert das “Elfenbeinturm-Problem”: Konzeptarbeit findet häufig losgelöst von den Menschen statt, die das Konzept später umsetzen sollen. Ischebeck führt die Stakeholder-Analyse (Power Interest Grid), systematisches Interessenmanagement und das Prinzip “Betroffene zu Beteiligten machen” ein. Die Ermahnung, einen langen Atem zu bewahren und Quick Wins zu schaffen, zeigt Praxiserfahrung. Charmant ist der Hinweis am Ende: Wenn das Management Ihre Ideen irgendwann als eigene ausgibt, haben Sie alles richtig gemacht.
Das Fazit
Ischebeck schreibt klar, direkt und praxisnah. Man merkt die Trainerin: Die Sprache ist zugänglich, die Beispiele stammen offensichtlich aus echten Beratungs- und Trainingssituationen. Die Autorin praktiziert selbst, was sie lehrt – das Buch folgt dem ZEBRA-Prinzip: zielorientiert, empfängerorientiert, beherzt auf den Punkt gebracht.
Der Aufbau ist streng chronologisch entlang der sechs Schritte, was Orientierung schafft. Die Mischung aus Fließtext, Beispielen, Tipps, Exkursen und Checklisten hält die Aufmerksamkeit über die 160 Seiten. Gelegentlich kippt der Ton ins Lehrhafte – Formulierungen wie “Herzlichen Glückwunsch!” oder “Bleiben Sie am Ball!” erinnern eher an ein Seminar als an ein Fachbuch, was Geschmackssache ist. Die Integration von QR-Codes zu digitalen Zusatzmaterialien ist gelungen und erweitert den Nutzen des gedruckten Formats sinnvoll. Die Grafiken und Schaubilder (Konzepttreppe, Fragetrichter, Pyramide, Brillant-Modell) sind funktional und veranschaulichen die Konzepte effektiv.
Inhaltlich gefallen hat mir vor allem:
Die empirische Basis: Die Feldstudie mit über 1.200 Befragten zu Gründen des Scheiterns von Konzepten hebt das Buch über den üblichen Ratgeber-Level hinaus. Die Erkenntnis, dass Kommunikationsdefizite weit vor Ressourcenmangel oder zu hohen Anforderungen rangieren, ist ernüchternd – und gleichzeitig ermutigend, weil diese Faktoren steuerbar sind.
Sofort einsetzbare Werkzeuge: Das Buch ist kein theoretischer Diskurs, sondern eine Werkzeugkiste. Die Checklisten für Auftragsgespräche, der Konzept-TÜV (ZEBRA), die Konzeptvorlagen und der Fragetrichter können am nächsten Arbeitstag eingesetzt werden.
Der rote Faden der sechs Schritte: Der Fahrplan ist logisch, psychologisch durchdacht und konsequent durchgehalten. Ischebeck macht explizit, warum die Schritte in dieser Reihenfolge ablaufen sollten und warum das parallele Bearbeiten verschiedener Phasen das Gehirn blockiert.
Die Empfängerorientierung als Leitmotiv: Das konsequente Denken vom Empfänger her zieht sich wie ein roter Faden durch alle Kapitel – von der Auftragsklärung über die Strukturierung bis zur Kommunikation. Das ist nicht nur für Konzepte, sondern für jede Form professioneller Kommunikation ein wertvolles Prinzip.
Doch es gibt für mich auch ein paar Schwächen: Das Buch richtet sich erkennbar an Einsteiger und Menschen in den ersten Jahren der Konzeptarbeit. Für erfahrene Führungskräfte, Berater oder Organisationsentwickler bietet es wenig Neues. Die Tiefe bleibt an vielen Stellen bewusst an der Oberfläche, was der Zugänglichkeit dient, aber den Mehrwert für die primäre Zielgruppe dieses Verlags (Top-Führungskräfte, Berater) begrenzt. Der Versuch, KI-Nutzung in ein gedrucktes Buch zu integrieren, ist nachvollziehbar, aber zwangsläufig problematisch. Die Prompt-Beispiele und Hinweise sind solide Einsteigerkost, werden aber in einem Medium festgeschrieben, das mit der Entwicklungsgeschwindigkeit von KI-Tools nicht mithalten kann. Manche Kerngedanken, etwa die Bedeutung klarer Ziele oder das Pareto-Prinzip, werden in mehreren Kapiteln aufgegriffen, ohne wesentlich vertieft zu werden. Die “Das Wichtigste in Kürze”-Zusammenfassungen am Ende jedes Kapitels sind hilfreich für selektive Leser, erzeugen aber bei linearer Lektüre ein Déjà-vu. Ebenso geht das Buch von einer relativ linearen Welt aus: Auftraggeber erteilt Auftrag, Auftragnehmer klärt Ziele, entwickelt Konzept, kommuniziert Ergebnis. Die Realität in komplexen Organisationen – mit widersprüchlichen Stakeholder-Interessen, sich verändernden Rahmenbedingungen und politischen Dynamiken – wird im letzten Kapitel zwar angerissen, aber nicht in der Tiefe behandelt, die der Praxis gerecht würde.
Dennoch ist das Buch alles in allem ein gelungenes Werk. “Erfolgreich Konzepte entwickeln” ist ein solider, handwerklich gut gemachter Praxisleitfaden, der ein unterschätztes Problem adressiert: dass die meisten Konzepte nicht an mangelnder Fachkompetenz scheitern, sondern an mangelnder Prozess- und Kommunikationskompetenz. Der Sechs-Schritte-Fahrplan ist logisch, die Werkzeuge sind sofort einsetzbar, und die empirische Basis der Feldstudie verleiht den Empfehlungen Gewicht. Das Buch bleibt allerdings bewusst auf der Ebene eines Einstiegsratgebers. Wer tiefere Auseinandersetzung mit Komplexität, politischen Dynamiken in Organisationen oder agilen Ansätzen der Konzeptentwicklung sucht, wird hier nicht fündig. Die Neuauflage ergänzt den KI-Aspekt, kann aber in einem gedruckten Format die Dynamik dieses Feldes naturgemäß nicht abbilden.
Für die Zielgruppe – Menschen, die Konzepte erstellen oder in Auftrag geben und dabei systematischer vorgehen wollen – ist das Buch eine lohnende Investition. Es wird keine Karriere verändern, aber es kann den einen oder anderen Konzeptentwurf vor der Schublade bewahren. So ist sei es empfohlen für Einsteiger in die Konzeptarbeit und als Nachschlagewerk für den Praxisalltag. Für erfahrene Konzeptionierer ist es eher eine Auffrischung.
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Transparenzhinweis: Das Buch wurde mir vom Verlag kostenfrei zur Verfügung gestellt. Meine Meinung bleibt davon unberührt.
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