Die AutorInnen und das Buch

Mueller Erlach Aktanz - Rezension - Dr. Oliver Mack - xm-instituteMichael Müller und Christine Erlach stellen mit “In Aktanz gehen” einen neuen Ansatz vor, wie Individuen, Teams und Organisationen sich von eingeschliffenen Denkmustern und dysfunktionalen Glaubenssätzen befreien können. Der von ihnen geprägte Neologismus “Aktanz” vereint Aktivität, Tanz, die narratologischen “Aktanten” und Resonanz zu einem Bedeutungsfeld, das eine Haltung der Leichtigkeit, Offenheit und spielerischen Beweglichkeit beschreibt. Das Buch umfasst gut 220 Seiten und ist im Carl Auer Verlag erschienen.

Zunächst zu den beiden AutorInnen: Prof. Dr. Michael Müller war von 2010 bis 2024 Professor für Medienanalyse und Medienkonzeption an der Hochschule der Medien (HdM) Stuttgart, wo er 2014 gemeinsam mit Jørn Precht das Institut für Angewandte Narrationsforschung (IANA) gründete und leitete. Seit über 15 Jahren berät er Unternehmen und Organisationen auf Basis narrativer Ansätze in Kommunikation, Kulturentwicklung, Change-Prozessen und Markenführung. Christine Erlach ist Diplom-Psychologin und systemische Beraterin. Nach ihrer Tätigkeit als wissenschaftliche Mitarbeiterin bei Prof. Heinz Mandl an der LMU München (Arbeitsgruppe „Wissen und Handeln – Wissensmanagement”, 1997-2000) gründete sie im Jahr 2000 das Beraternetzwerk NARRATA Consult, das auf narrative Methoden in Organisationen spezialisiert ist. Sie gilt als eine der Pionierinnen narrativer Arbeit im deutschsprachigen Raum.

Doch zurück zum Buch – die Grundthese: Viele der Hindernisse, die uns im persönlichen wie beruflichen Leben blockieren, sind “Störnarrative” – tief verwurzelte Glaubenssätze mit narrativer Struktur, die einmal funktional waren, es aber nicht mehr sind. Diese Störnarrative wirken auf individueller Ebene (Selbstzweifel, Prokrastination), auf organisationaler Ebene (dysfunktionale Führungskultur, erstarrte Meetingformate) und auf gesellschaftlicher Ebene (Wachstumsnarrativ, Leistungsnarrativ). Steigen wir etwas tiefer in die Inhalte ein.

Die Inhalte

Das Buch gliedert sich in drei Teile: Zunächst eine theoretische Annäherung an den Begriff Aktanz und seine narrativen Grundlagen, dann die “Neun Ringe der Aktanz” mit 23 konkreten Experimenten für die Praxis, und schließlich den “Aktanz-Canvas” als strukturierten Pfad in die Aktanz.

Teil 1: Annäherung an die Aktanz

Der erste Teil legt das theoretische Fundament über drei dicht verwobene Kapitel: Drei Fallgeschichten (eine überforderte Teamleiterin, ein erstarrtes IT-Transformationsprojekt, eine gesellschaftliche Initiative gegen das Leistungsnarrativ) geben dem Buch seinen konkreten Boden und kehren als roter Faden immer wieder zurück. Das Kernstück ist die A-T-E-Struktur (Anfang – Transformation – Ende), ein Analysewerkzeug, das Glaubenssätze nicht als Fakten, sondern als erzählbare und damit veränderbare Strukturen begreifbar macht. Abgerundet wird der Teil durch ein Modell, das Veränderung konsequent auf drei Ebenen denkt – Vernunft, Körper und Emotion -, und damit den Grundsatz etabliert, der das gesamte Buch trägt: Wandel, der nur im Kopf stattfindet, reicht nicht.

Teil 2: Die Neun Ringe der Aktanz

Der zweite Teil ist der methodische Kern des Buches und entfaltet neun thematisch gruppierte “Ringe”, von niederschwelligen Einstiegsformaten wie Story Circles über das provokant-produktive “Streichkonzert” (Weglassen statt Hinzufügen) bis hin zu tiefgreifenden Interventionen wie der Bildwandlung und der A-T-E-Verschiebung. Die Bandbreite ist bemerkenswert: Manche Ringe überzeugen durch analytische Schärfe (das narrative Tetralemma), andere durch spielerische Irritation (der Hofnarr als Beratungsperspektive). Nicht alle neun Ringe tragen gleich viel Gewicht, aber genau darin liegt die Stärke: Praktiker können selektiv einsteigen, ohne das gesamte System übernehmen zu müssen.

Teil 3: Mit Aktanz in die Zukunft

Der dritte Teil versammelt die Experimente in einem strukturierten Gesamtpfad, dem Aktanz-Canvas. Was hier entsteht, ist weniger ein neues Konzept als eine Navigationshilfe: sechs Phasen, die von der Bestandsaufnahme über die Arbeit an Störnarrativen bis zur Neuerzählung führen. Das Schlusswort weitet den Blick auf eine gesellschaftliche Dimension, die im Verlauf des Buches etwas zu kurz gekommen ist – ein Ausblick, der neugierig macht, aber offene Fragen hinterlässt.

Das Fazit

Müller und Erlach schreiben in einem warmen, einladenden Ton, der die geforderte Leichtigkeit im Stil selbst umsetzt. Die Sprache ist anschaulich und metaphernreich, bisweilen etwas zu reich: Wälder, Tanzböden, Ringe, Aggregatzustände (fest, flüssig, dampfförmig) und Fischmetaphern erzeugen gelegentlich ein Überangebot an Bildlichkeit.

Die drei durchlaufenden Fallgeschichten geben dem theoretischen Gerüst Anschaulichkeit, werden aber nur im ersten Teil erzählt und dann nicht vertieft weitergeführt. Die Experimente sind klar strukturiert mit Schritt-für-Schritt-Anleitungen, Zeitangaben und Varianten für unterschiedliche Settings (Einzelcoaching vs. Team). Die Illustrationen von Tobias Grewe lockern das Textbild auf. Mit seinen 226 Seiten hat das Buch eine angemessene Länge, die allerdings durch eine straffere Struktur auch auf 180 Seiten hätte verdichtet werden können, ohne an Substanz zu verlieren.

Inhaltlich ist der Begriff “Aktanz” ist mehr als ein Marketing-Etikett. Die AutorInnen spannen ein echtes Bedeutungsfeld auf, das Handlung, Spiel, narrative Theorie und Beziehungsqualität verbindet. Die “Kernprägnanz und Randunschärfe” des Begriffs, eine Formulierung, die sie dem Hirnforscher Ernst Pöppel entlehnen, macht ihn in der Beratungspraxis vielseitig einsetzbar.

Die A-T-E-Analyse von Glaubenssätzen ist ein genuines Werkzeug, das in der Beratungs- und Coachingpraxis unmittelbar nutzbar ist. Die Möglichkeit, Störnarrative nicht pauschal zu verwerfen, sondern kleinteilig an ihren narrativen Bausteinen zu arbeiten, wie den Anfang zu verschieben, die Transformation zu verändern oder das Ende neu zu denken, eröffnet differenziertere Interventionsmöglichkeiten als das bloße Identifizieren und Ersetzen von Glaubenssätzen.

Die Autoren denken ihre Konzepte durchgängig auf drei Ebenen: Individuum, Organisation und Gesellschaft. Das verleiht dem Buch eine Reichweite, die über die übliche Coaching-Literatur hinausgeht. Die Beispiele aus Unternehmensberatungen sind erfahrungsgesättigt und glaubwürdig.

Die 23 praxistaugliche Experimente mit der bewussten Bezeichnung als “Experimente” statt “Methoden” oder “Übungen” ist programmatisch: Sie transportiert die Haltung des Ausprobierens und Loslassens, die das Buch propagiert. Besonders überzeugend sind der Story Circle als niederschwelliger Einstieg, das Streichkonzert als Gegengewicht zur “Mehr-Kultur” und die Bildwandlung als tiefgehende Coaching-Intervention. In einer Beratungslandschaft, die von “mehr Agilität”, “mehr Innovation” und “mehr Transformation” geprägt ist, setzen die Autoren einen wohltuenden Kontrapunkt. Ihre Argumentation, dass Weglassen von Störendem mindestens so produktiv sein kann wie das Hinzufügen von Neuem, ist sowohl für Individuen als auch für Organisationen relevant. Die Parallele zu Feldenkrais’ Bewegungslehre ist dabei besonders erhellend.

Doch der Neologismus “Aktanz” trägt im Verlauf des Buches eine immense Bedeutungslast. Wenn nahezu jede positive Veränderung unter “In Aktanz gehen” subsumiert wird, von der persönlichen Stressbewältigung über bessere Meetingkultur bis zur gesellschaftlichen Zukunftsfähigkeit, droht der Begriff zu diffundieren. Die bewusst gewollte “Randunschärfe” birgt die Gefahr, in Beliebigkeit zu kippen. Die AutorInnenen greifen zwar auf narrative Theorie (Greimas), Feldenkrais, Hartmut Rosas Resonanzkonzept und systemische Ansätze zurück, ohne diese Bezüge jedoch systematisch auszuarbeiten. Besonders die Verbindung zu Rosas Resonanztheorie hätte mehr Tiefe verdient, da hier eine produktive Abgrenzung möglich gewesen wäre: Wo endet Resonanz, wo beginnt Aktanz? Auch eine etwas straffere Struktur hätte meines Erachtens dem sehr guten Buch noch gutgetan.

Das Buch eignet sich für Organisationsberater und systemische Berater, die ihr Methodenrepertoire um narrative Interventionsformate erweitern wollen. Hier liegt der größte Mehrwert des Buches. Auch Coaches, die mit Klienten an Glaubenssätzen arbeiten und einen differenzierteren Zugang als das bloße “Reframing” suchen, werden fündig.

Ebenso , die verstehen wollen, warum Veränderungsprozesse in ihren Organisationen stocken und welche Rolle implizite Narrative dabei spielen oder Teamentwickler, die nach niederschwelligen Formaten wie dem Story Circle oder dem Streichkonzert suchen, um Teamdynamiken zu verändern. Weniger geeignet ist das Buch aus meiner Sicht für Leser, die einen streng wissenschaftlichen Zugang erwarten oder konkrete KPI-getriebene Change-Management-Werkzeuge suchen.

“In Aktanz gehen” ist ein inspirierendes Buch für die Beratungs- und Coachingpraxis, das mit dem Konzept der Störnarrative und der A-T-E-Analyse ein genuines Werkzeug in die Diskussion einbringt. Die 23 Experimente sind praxistauglich und in verschiedensten Settings einsetzbar. Besonders wertvoll ist das konsequente Plädoyer für Leichtigkeit und Weglassen als Gegengewicht zu einer überhitzten “Mehr-und-schneller”-Kultur in Organisationen. Und so ist es sehr empfehlenswert für die Zielgruppe der systemischen und narrativen Berater, Coaches und Führungskräfte, die neue Perspektiven auf Veränderungsprozesse suchen.

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Transparenzhinweis: Das Buch wurde mir vom Verlag kostenfrei zur Verfügung gestellt. Meine Meinung bleibt davon unberührt.