Wie ein Tweet eine ganze Sprachfamilie auslöste

Vibe - Dr. Oliver Mack - xm-instituteIm Februar 2025 schrieb Andrej Karpathy, Mitbegründer von OpenAI und ehemaliger KI-Leiter bei Tesla, einen kurzen Beitrag auf X, der die Tech-Welt in Bewegung setzte. Er beschrieb eine neue Art der Softwareentwicklung, bei der man sich ganz der “Stimmung” hingibt, per Sprache mit der KI kommuniziert, alle Code-Änderungen ungeprüft akzeptiert und Fehlermeldungen einfach zurück in den Chat kopiert. Karpathy nannte das “Vibe Coding” und meinte es für schnelle Wochenendprojekte, bei denen Qualität und Wartbarkeit keine Rolle spielen.

Der Beitrag erzielte über 4,5 Millionen Aufrufe. Wenige Wochen später griffen die New York Times, Ars Technica und The Guardian den Begriff auf. Ende 2025 kürte ihn das Collins Dictionary zum Wort des Jahres. Und was noch bemerkenswerter ist: Aus einem einzelnen Begriff wurde ein ganzes Sprachmuster. Überall, wo KI konversationsbasiert in Arbeitsprozesse einzieht, hängt nun das Wort “Vibe” davor. Vibe Working, Vibe Writing, Vibe Learning – die Wortfamilie wächst schneller als die meisten Unternehmen ihre AI-Strategie formulieren können.

Für Führungskräfte lohnt es sich, dieses Sprachmuster genauer anzuschauen. Nicht weil jeder Begriff für sich eine Revolution beschreibt, sondern weil das Gesamtbild verrät, wohin sich die Mensch-KI-Zusammenarbeit bewegt -und welche Fragen dabei unbeantwortet bleiben.

Vom Code zur Büroarbeit: Die Vibe-Landkarte

Die Vibe-Begriffe lassen sich entlang von fünf Tätigkeitsfeldern sortieren, die jeweils eine unterschiedliche Reifestufe der KI-Integration abbilden.

Software bauen war der Ausgangspunkt. Vibe Coding meint das Erzeugen von Code per natürlicher Sprache und iterativer KI-Unterstützung, statt alles manuell zu schreiben. IBM definiert den Begriff als eine Methode, bei der Entwickler sich vom Flow mitreissen lassen und die KI den eigentlichen Code generiert – wobei der Erfolg stark von der Qualifikation des Anwenders abhängt. Interessanterweise hat Karpathy selbst den Begriff schon Ende 2025 weiterentwickelt und spricht nun von “Agentic Engineering”, um den professionelleren Anspruch zu betonen: Man schreibt nicht selbst, aber man orchestriert Agenten und übernimmt die Aufsicht. Karen Brennan, Professorin an der Harvard Graduate School of Education, sieht im Vibe Coding vor allem eine Demokratisierung des Erstellens: Die Ökonomie des Experimentierens verändere sich grundlegend, weil man eine Idee jetzt schnell realisieren könne, ohne ein Informatikstudium oder ein Entwicklerteam zu benötigen. Daneben haben sich Begriffe wie Vibe Solutioning etabliert, das die gemeinsame Entwicklung von Problem, Ansatz und Umsetzung mit KI beschreibt, sowie Vibe Shipping, das den Fokus auf das tatsächliche Ausliefern KI-unterstützter Produkte legt – weg vom reinen Erzeugen von Code, hin zum Bereitstellen fertiger, deployeter Anwendungen.

Büroarbeit ist der Bereich, in dem die Vibe-Sprache aktuell die grösste Aufmerksamkeit bekommt. Im September 2025 führte Microsoft den Begriff Vibe Working offiziell ein und lancierte einen Agent Mode in Excel und Word innerhalb von Microsoft 365 Copilot. Bemerkenswert: Für den Office Agent in Copilot nutzt Microsoft nicht die eigenen OpenAI-Modelle, sondern Anthropics Claude – ein Hinweis darauf, dass verschiedene KI-Modelle für unterschiedliche Aufgabentypen kombiniert werden. Die Idee: Man beschreibt in einem Prompt, was man braucht, und die KI erzeugt Dokumente, Tabellen und Analysen iterativ – gesteuert durch einen Dialog statt durch einen einzelnen Befehl. Microsoft sprach bei der Ankündigung explizit vom selben Muster wie beim Vibe Coding, nun angewandt auf die Wissensarbeit. Eng verwandt sind Begriffe wie Vibe Workflows, womit agentische Arbeitsabläufe gemeint sind, in denen KI mehrere Schritte autonom orchestriert, und Vibe Productivity als Oberbegriff für produktives Arbeiten mit KI-Assistenz.

Lernen und Entwicklung bildet ein drittes Feld. Vibe Learning beschreibt das Lernen mit KI als adaptivem Sparringspartner, der erklärt, Übungen erzeugt und Lernpfade personalisiert. Codecademy hat den Begriff im Februar 2026 mit einem eigenen “AI Builder for Vibe Learning” aufgegriffen – die Idee dahinter: Lernen geschieht am besten durch Bauen, und KI senkt die Einstiegshürde dafür radikal. Sprout Labs wendet den Gedanken auf die betriebliche Weiterbildung an und spricht von “Vibe Learning Design” als schnellerem, kreativerem Weg, Lerndesign mit KI-Unterstützung zu entwickeln. Vibe Teaching nimmt die Perspektive der Lehrenden ein, die KI für Unterricht, Training oder Enablement nutzen. Vibe Skilling schliesslich meint den schnellen Kompetenzaufbau durch KI-gestützte Lernschleifen. Diese Begriffe sind noch am wenigsten fest definiert, markieren aber eine Richtung, die für Personalentwicklung und Leadership Development hochrelevant ist.

Schreiben und Content ist ein naheliegendes Anwendungsfeld. Vibe Writing – von Microsoft bei der Office-Ankündigung als Teilkonzept von Vibe Working positioniert – meint das Erstellen von Texten im Dialog mit KI, wobei Stil, Ton und Varianten wichtiger werden als klassisches Prompt-Tuning. Das taiwanesische Content Lab beschreibt den Ansatz treffend als eine Methode, bei der man Artikel buchstäblich “durch Reden” schreibt, ohne Prompt Engineering beherrschen zu müssen. Vibe Creating ist der breitere Sammelbegriff für das Erstellen von Content, Design oder Medien mit KI als kreativem Partner.

Meta- und Marketingbegriffe bilden die fünfte Kategorie. Vibe AI steht für KI-native Produkte, die sich über natürliche Sprache und gewünschte Ergebnisse steuern lassen statt über klassische Benutzeroberflächen. Und “Vibe Anything” ist kein fester Fachbegriff, aber ein beobachtbares Sprachmuster: “Vibe” wird als Präfix verwendet, um KI-gestützte Arbeit als locker, schnell und ergebnisorientiert zu labeln.

Das Muster hinter dem Muster

Was auf den ersten Blick wie Marketing-Sprache aussieht, folgt bei genauerem Hinsehen einer inneren Logik. Alle Vibe-Begriffe teilen drei Merkmale.

Erstens die Konversation als Schnittstelle. Die klassische Interaktion mit Software — Menüs, Formulare, Konfigurationsdialoge — wird durch natürlichsprachliche Kommunikation ersetzt. Man sagt, was man will, und die KI übersetzt das in Aktionen. Das ist keine Kleinigkeit, denn es verändert, wer Software produktiv nutzen kann und welche Fähigkeiten dafür gebraucht werden.

Zweitens die Iteration statt Perfektion. Keiner der Vibe-Ansätze geht davon aus, dass das Ergebnis beim ersten Mal stimmt. Das Modell ist immer ein Dialog: prompten, prüfen, korrigieren, weitermachen. Das klingt trivial, hat aber tiefgreifende Konsequenzen für Arbeitsabläufe, die bisher auf Spezifikation-dann-Ausführung ausgelegt waren.

Drittens die Verschiebung von Ausführung zu Steuerung. In allen Vibe-Szenarien ändert sich die Rolle des Menschen: weg vom Ausführen, hin zum Steuern, Prüfen und Entscheiden. Ein Entwickler, der Vibe Coding betreibt, schreibt keinen Code mehr, sondern orchestriert Agenten. Eine Mitarbeiterin, die Vibe Working nutzt, füllt kein leeres Dokument mehr, sondern lenkt einen Entwurfsprozess.

Was das für Führungskräfte bedeutet

Die Vibe-Begriffe sind kein rein technisches Phänomen. Sie signalisieren eine Verschiebung in der Arbeitswelt, die Führungskräfte aus mehreren Gründen ernst nehmen sollten.

Ein Abteilungsleiter, der bisher vor allem Arbeitspakete verteilt und Fortschritt kontrolliert hat, wird in einer Vibe-Working-Welt weniger gebraucht. Wenn eine Mitarbeiterin in zwanzig Minuten mit KI-Unterstützung eine Finanzanalyse erstellen kann, für die früher ein halber Tag und eine Excel-Spezialistin nötig waren, dann verschiebt sich die Wertschöpfung. Gefragt sind dann weniger die Fähigkeiten, solche Analysen manuell zu bauen, sondern die Fähigkeiten, die richtigen Fragen zu stellen, das Ergebnis kritisch zu prüfen und es in einen grösseren Zusammenhang einzuordnen.

Das klingt befreiend, birgt aber Risiken. Microsofts eigene Benchmarks zeigten bei der Vibe-Working-Ankündigung, dass der Agent Mode in Excel nur eine Genauigkeit von gut 57 Prozent erreicht — deutlich unter den 71 Prozent menschlicher Experten. Im Bereich Vibe Coding berichten Sicherheitsforscher, dass 45 Prozent des KI-generierten Codes Sicherheitslücken enthält. Die “Vibe” suggeriert Leichtigkeit, aber die Realität erfordert Validierung. Wer die Prüfkompetenz nicht mitbringt oder nicht aufbaut, produziert mit hoher Geschwindigkeit mittelmässige bis fehlerhafte Ergebnisse.

Für Führungskräfte ergeben sich daraus drei konkrete Handlungsfelder. Erstens die Frage der Qualitätssicherung: Wenn Mitarbeitende KI-generierte Dokumente, Analysen und Präsentationen als fertige Arbeitsergebnisse abliefern, wer prüft dann die inhaltliche Richtigkeit? Es braucht neue Review-Prozesse und klare Verantwortlichkeiten für die Ergebnisqualität. Zweitens die Frage der Kompetenzentwicklung: Vibe Working senkt die Einstiegshürde, aber es ersetzt nicht das Fachwissen, das nötig ist, um Ergebnisse einzuordnen. Ein mit KI erstelltes Cashflow-Modell ist nur so gut wie die kaufmännische Urteilskraft derjenigen Person, die es beauftragt und prüft. Drittens die Frage der Haftung und Compliance: Wenn KI-Agenten Dokumente erstellen, die Geschäftsentscheidungen begründen, stellt sich die Frage, wer für die Richtigkeit verantwortlich ist — die Person, die den Prompt formuliert hat, oder die Organisation, die das Tool bereitgestellt hat.

Fazit

Die Vibe-Begriffe sind mehr als eine sprachliche Mode. Sie bilden ein reales Phänomen ab: KI wird zum konversationsbasierten Co-Piloten für immer mehr Tätigkeiten, von der Softwareentwicklung über die Büroarbeit bis zum Lernen und zur Content-Produktion. Das Sprachmuster “Vibe + Tätigkeit” breitet sich dort am schnellsten aus, wo KI nicht nur assistiert, sondern Arbeitsschritte schon teilweise autonom übernimmt.

Für Führungskräfte liegt die eigentliche Aufgabe nicht darin, die einzelnen Begriffe zu kennen, sondern das Muster dahinter zu verstehen: Die Mensch-KI-Schnittstelle verschiebt sich von der Ausführung zur Steuerung, und diese Steuerung erfordert andere Kompetenzen als die bisherige Arbeit. Wer sich vom “Vibe” mitreissen lässt, ohne die Fragen nach Qualität, Kompetenz und Verantwortung zu klären, produziert nicht Produktivität, sondern Risiko.

Oder, um im Bild zu bleiben: Der Vibe ist ansteckend. Aber gute Führung war noch nie eine Frage der Stimmung.

Referenzen

Autoflowly. (2026, 23. Februar). Vibe coding in 2026: Tools, trends & future. https://autoflowly.com/blog/vibe-coding-2026-tools-trends-future.html

Brennan, K. (2026, 1. April). “Vibe coding” may offer insight into our AI future [Interview]. Harvard Gazette. https://news.harvard.edu/gazette/story/2026/04/vibe-coding-may-offer-insight-into-our-ai-future/

Chauhan, S. (2025, 29. September). Vibe working: Introducing Agent Mode and Office Agent in Microsoft 365 Copilot. Microsoft 365 Blog. https://www.microsoft.com/en-us/microsoft-365/blog/2025/09/29/vibe-working-introducing-agent-mode-and-office-agent-in-microsoft-365-copilot/

Codecademy. (2026, 3. Februar). Introducing Codecademy AI Builder for Vibe Learning. https://www.codecademy.com/resources/blog/why-the-future-of-learning-starts-with-building

Collins English Dictionary. (2025). Word of the Year 2025: Vibe Coding. https://www.collinsdictionary.com/woty

Content Lab. (2025, 12. Juli). Vibe writing: A new AI collaboration method where you can write articles just by talking. https://contentlab.tw/vibe-writing-a-new-ai-collaboration-method-where-you-can-write-articles-just-by-talking-no-prompt-engineering-required/

IBM. (2025, 7. April). What is vibe coding? https://www.ibm.com/think/topics/vibe-coding

IBM. (2025, 16. März). Was ist eigentlich der Vibe beim Vibe-Coding? https://www.ibm.com/de-de/think/news/vibe-coding-devs

Karpathy, A. (2025, 2. Februar). There’s a new kind of coding I call “vibe coding” [Post]. X. https://x.com/karpathy/status/1886192184808149383

Microsoft. (2025). 2025 Annual Work Trend Index. https://news.microsoft.com/annual-work-trend-index-2025/

Sprout Labs. (o.D.). Vibe learning design: A faster, more creative way to work with AI. https://www.sproutlabs.com.au/blog/vibe-learning-design-a-faster-more-creative-way-to-work-with-ai/

The Verge. (2025, 29. September). Microsoft launches “vibe working” in Excel and Word. https://www.theverge.com/news/787076/microsoft-office-agent-mode-office-agent-anthropic-models