Der Autor und das Buch

Neubert - Workshops einfach moderieren - Rezension - Dr. Oliver Mack - xm-instituteMichael Neubert hat das Buch geschrieben, das es eigentlich nicht geben sollte. In seinen Moderationstrainings verwies er jahrelang augenzwinkernd auf das fiktive „Goldene Handbuch der Workshopmoderation”, wenn Teilnehmer nach den kleinen, nirgendwo dokumentierten Praxistipps fragten. Als jemand nach der ISBN fragte, begann er zu schreiben. Es trägt den Untertitel “Ach-so-Momente für die Praxis in 55 kurzen Geschichten“ und ist bei BoD – Books on Demand erschienen.

Michael Neubert ist freiberuflicher Moderator und Trainer mit Sitz in Ludwigshafen. Er hat  25 Jahre internationale Managementerfahrung in Marketing, Einkauf und Innovation bei einem DAX-40-Unternehmen (BASF SE) und nach eigenen Angaben weit über 200 Workshops durchgeführt. Seit mehreren Jahren arbeitet er unter der Marke „Workshopmoderation. Einfach.” als Trainer in Kleingruppen und als externer Moderator. Er betreibt einen YouTube-Kanal zur Workshopmoderation und bietet über seine Website eine Mediathek mit weiterführenden Materialien zum Buch an.

Das Ergebnis ist kein systematisches Lehrbuch der Moderation, sondern eine Sammlung von 55 kurzen Geschichten – jeweils ein bis drei Seiten lang -, die praxiserprobte Tipps für die Workshop-Moderation vermitteln. Jede Geschichte wird durch eine von 26 fiktiven Held*innen erzählt, die sich gegenseitig kennen und aufeinander verweisen. Das Spektrum reicht von der Körpersprache über Flipchart-Technik und Raumgestaltung bis zur Online-Moderation. Das Buch versteht sich explizit als Ergänzung zu einem gründlichen Moderationstraining – nicht als dessen Ersatz.

Gehen wir ein wenig mehr in die Inhalte.

Die Inhalte

Das Buch folgt keiner klassischen Kapitelstruktur, sondern präsentiert 55 eigenständige Tipps, die in beliebiger Reihenfolge gelesen werden können. Ein Themenverzeichnis am Ende erschließt die Inhalte nach Sachgebieten. Die folgende Übersicht orientiert sich an diesen thematischen Clustern.

Bevor du losliest

Das Vorwort rahmt die Entstehungsgeschichte des Buches charmant und selbstironisch. Neubert positioniert sein Werk bewusst als „Tüpfelchen für das i” der Moderation – keine Grundlagenvermittlung, sondern eine Sammlung jener Praxisdetails, die in keinem Lehrbuch stehen. Die Vorstellung der 26 Held*innen mit alliterativen Namen und Charaktereigenschaften (Anna die Anspruchsvolle, Benjamin der Bescheidene, etc.) bereitet den erzählerischen Rahmen vor, der das Buch durchzieht.

Auftragsklärung (Tipps 3, 14, 15, 39)

Die Tipps zur Auftragsklärung gehören zu den inhaltlich gewichtigsten des Buches. Die „Gretchenfrage der Auftragsklärung” (Tipp 3) liefert eine elegante Gesprächsstrategie, um die tatsächliche Ergebnisoffenheit von Auftraggeber*innen zu ermitteln – nicht durch die naive Frage „Bist du ergebnisoffen?”, sondern durch geschicktes Nachfragen. Tipp 39 formuliert eine klare Absage an unvorbereitete Improvisation und argumentiert überzeugend, warum gerade gute Vorbereitung die Voraussetzung für gelungene Flexibilität ist.

Mitschreiben am Flipchart oder Whiteboard (Tipps 1, 12, 16, 22, 45)

Eine Serie von Tipps widmet sich dem scheinbar Banalen: dem Mitschreiben. Doch gerade hier zeigt sich Neuberts Stärke. Das „Stift zu”-Signal (Tipp 1), mit dem eine Moderatorin unbewusst die Sammlung von Beiträgen beendet, ist ein Paradebeispiel für die „Ach-so-Momente” des Untertitels. Die Idee, sich für die untere Flipcharthälfte hinzusetzen (Tipp 12), und die Technik, die Frage am unteren Rand des Flipcharts zu platzieren (Tipp 16), sind pragmatische Lösungen, die sofort einleuchten.

Flipchart und Pinnwand bändigen (Tipps 2, 6, 17, 24, 30, 33, 37, 43, 48, 53)

Neubert widmet dem physischen Handwerk der Moderation erstaunlich viel Raum – und das zu Recht. Die Tipps reichen von der Rohrisolierung als Nadelparker (Tipp 2) über Flipcharthaken für Pinnwände (Tipp 33) bis zum optimalen Durchmesser des Flipchartköchers (Tipp 24). Das klingt trivial, löst aber Probleme, die jeden erfahrenen Moderator frustriert haben. Die Anleitung zum faltenfreien Eindecken einer Pinnwand mit „Eselsohren” (Tipp 48) ist in ihrer handwerklichen Detailliertheit fast liebevoll.

Teilnehmende aktivieren (zahlreiche Tipps)

Das größte thematische Cluster durchzieht das gesamte Buch. Besonders überzeugend: Die Strategie, beim Dot Voting die Teilnehmenden selbst auszählen zu lassen statt mit dem Rücken zum Publikum zu stehen (Tipp 38). Die Regel „Ein Beitrag pro Wortmeldung” (Tipp 27) mit der alternierenden Reihenfolge ist ein einfaches, aber wirkungsvolles Instrument gegen ungleiche Redeanteile. Und die Methode, Klebepunkte vor dem Kleben zu beschriften (Tipp 42), um Herdentrieb und HIPPO-Effekt zu reduzieren, verbindet psychologisches Wissen mit praktischer Umsetzbarkeit.

Online moderieren (Tipps 5, 11, 21, 26, 36, 41, 46, 51)

Etwa ein Fünftel der Tipps adressiert die Online-Moderation. Die Empfehlung, Teilnehmer*innen früh sprechen zu lassen (Tipp 11), Kameras und Mikrofone standardmäßig eingeschaltet zu lassen (Tipp 41) und physische Objekte vorab zu versenden (Tipp 21) sind praxistaugliche Ansätze. Die Empfehlung, den Kameraausschnitt so zu wählen, dass möglichst viel Körpersprache sichtbar wird (Tipp 46), und die 50-Minuten-Taktung mit Pausen (Tipp 51) zeigen, dass Neubert die spezifischen Herausforderungen virtueller Workshops aus eigener Erfahrung kennt.

Rhetorik und Souveränität (Tipps 4, 7, 18, 20, 25, 29, 35, 40, 50, 55)

Die Rhetorik-Tipps verbinden Neurowissenschaft mit Praxisempfehlungen. Die Empfehlung, Einstiege laut zu proben statt aufzuschreiben (Tipp 4), ist ein Klassiker, der hier mit dem Argument der mentalen Stressreduktion neu begründet wird. Der flexible Ansatz zum Aushalten von Stille (Tipp 7) – warten bis es unangenehm wird, dann noch zwei Sekunden – ist hilfreicher als starre Zeitvorgaben. Die „Killer-App” Pausen (Tipp 55) schließt das Buch mit dem vielleicht wirkungsvollsten aller Tipps.

Vorbereitung und Raumgestaltung (Tipps 13, 28, 44)

Die detaillierte Anleitung zur Einrichtung des Workshopraums (Tipp 13) mit ihrer achtstufigen Vorgehensweise – von der Wahl der Vorderseite über die Platzierung des ersten Stuhls bis zur Positionierung der Flipcharts – ist die systematischste Passage des Buches. Die Ermahnung, den eigenen Moderationskoffer mitzubringen (Tipp 28), und die Empfehlung für Checklisten (Tipp 44) unterstreichen, wie viel Moderationserfolg in der Vorbereitung entschieden wird.

Visualisierung (Tipps 10, 30, 45)

Eine kleine, aber feine Gruppe von Tipps behandelt die visuelle Gestaltung. Die Warnung vor Bilderrätseln (Tipp 10) – immer dazuschreiben, was ein Symbol bedeutet – ist einfach und richtig. Die Regel „von vorn nach hinten visualisieren” (Tipp 30) löst ein Problem, das jeder kennt, der je eine Flipchart-Zeichnung mit sich überlappenden Objekten versucht hat. Die sechsstufige Reihenfolge für Flipchart-Gestaltung (Tipp 45) – Überschrift, Motiv, Text, Symbole, Container, Farbe – ist ein sofort anwendbares Framework.

Themenverzeichnis und Die Held*innen

Das Themenverzeichnis am Ende des Buches erschließt die 55 Tipps nach zwölf Sachgebieten mit Seitenverweisen – eine notwendige Ergänzung für ein Buch ohne lineare Struktur. Die abschließende Übersicht der 26 Held*innen mit ihren Charaktereigenschaften und zugeordneten Tipps rundet den erzählerischen Rahmen ab und erleichtert das Wiederfinden bestimmter Geschichten.

Das Fazit

Neubert schreibt, wie man sich einen guten Moderationstrainer vorstellt: klar, bildhaft, mit einer Prise Humor und ohne akademischen Ballast. Die kurzen Geschichten lesen sich flüssig und sind – wie versprochen – perfekt für die Straßenbahn- oder ICE-Fahrt zum nächsten Workshop.

Der erzählerische Kunstgriff mit den 26 Held*innen funktioniert besser als erwartet. Statt trockener Aufzählungen („Tipp 1: Machen Sie X”) entstehen kleine Szenen, in denen Isabel den Stift schließt, Sandra sich für die untere Flipcharthälfte hinsetzt und Wolfgang seinen Espresso rührt. Diese Personalisierung macht die Tipps merkbar und menschlich.

Gelegentlich kippt der lockere Ton ins Belehrende – wenn Neubert den Leser mit „Du darfst raten …” anspricht oder rhetorische Fragen stellt, deren Antwort offensichtlich ist. Das ist selten genug, um nicht zu stören, fällt aber bei einem Buch auf, das sich an Profis richtet.

„Workshops einfach moderieren!” ist ein ungewöhnliches Buch – und genau darin liegt sein Reiz. Es ist kein Methodenhandbuch, kein Lehrbuch und kein Ratgeber im klassischen Sinn. Es ist eine Sammlung von Praxiswissen, das in keinem dieser Formate Platz findet: die kleinen Handgriffe, Tricks und Verhaltensweisen, die den Unterschied zwischen einer funktionalen und einer herausragenden Moderation ausmachen.

Die Stärke liegt in der Konkretheit. Neubert schreibt nicht „Bereiten Sie Ihren Workshopraum sorgfältig vor”, sondern erklärt in acht Schritten, wie man einen Stuhlkreis aufbaut. Er schreibt nicht „Achten Sie auf Ihre Körpersprache”, sondern zeigt, warum das Zuklappen eines Stifts einen Sammelprozess beendet. Diese Granularität ist das Alleinstellungsmerkmal des Buches – und gleichzeitig seine Begrenzung, weil es den Blick aufs Ganze bewusst ausspart.

Für die Zielgruppe – Menschen, die Workshops moderieren und ihr handwerkliches Repertoire erweitern wollen – ist das Buch eine anregende, kurzweilige und sofort nützliche Lektüre. Die 102 Seiten sind an einem Nachmittag gelesen, aber die einzelnen Tipps werden noch in vielen Workshops nachwirken.

Empfehlenswert als Praxisergänzung für alle, die regelmäßig Workshops moderieren. Besonders wertvoll für Moderator*innen mit Grundkenntnissen, die nach den „i-Tüpfelchen” suchen, die ein gutes Moderationstraining nicht vermittelt. Mir hat jedenfalls viel Freude bereitet, das Buch zu lesen.

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Transparenzhinweis: Das Buch wurde mir vom Autor kostenfrei zur Verfügung gestellt. Meine Meinung bleibt davon unberührt.