Die Autoren und das Buch
Kaum ein psychologischer Begriff wird in Führungsetagen derzeit so häufig bemüht wie der Narzissmus. Der schwierige Kollege? Narzisst. Die fordernde Chefin? Narzisstin. Wir haben schon einige Bücher zu diesem Thema hier besprochen:
- Buchbesprechung: Die Narzissmus-Bilanz – Thiel, M./ Pietzko, S.
- Buchbesprechung: Es gibt keine Narzissten! Nur Menschen mit narzisstischen Nöten – Eidenschink, K.
- Buchbesprechung: Zwischen Egoismus und Exzellenz – Fatfouta, R.
Letzteres bereits vom Autor des heute besprochenen Buchs. Das aktuelle Buch von Fatfouta stellt genau dem Reflex, alle Herausforderungen im Zwischenmenschlichen auf Nazissmus zu schieben, ein Stoppschild entgegen, und das schon im Titel: “Ego first! Führen in Zeiten von Narzissmus, Machtspielen und Manipulation”. Es ist erschienen 2026 bei Haufe, Umfang 212 Seiten, ergänzt um Online-Materialien auf der Verlagsplattform myBook+. Der Titel ist dabei bewusst doppeldeutig gemeint: Er beschreibt die aufgeblähten Egos, die uns im Berufsalltag begegnen, und zugleich das Gegenmittel, nämlich ein eigenes, stabiles und gut sortiertes Ich.
Geschrieben haben das Buch zwei Autoren, deren Profile sich auffallend ergänzen. Dr. habil. Ramzi Fatfouta, Jahrgang 1988, hat an der Freien Universität Berlin Psychologie mit neurowissenschaftlichem Schwerpunkt studiert, am Exzellenzcluster “Languages of Emotion” promoviert und nebenberuflich an der Universität Potsdam habilitiert, und zwar exakt zum Buchthema: “Narcissism: Forms, facets, and features”. Seine Praxiserfahrung stammt aus der Managementdiagnostik bei Kienbaum und aus Konzernverantwortung für Führungskräfteauswahl, Kultur- und Changemanagement; daneben lehrt er als Professor für Wirtschaftspsychologie in Berlin. Dr. med. Pablo Hagemeyer, Jahrgang 1970, ist die klinische Stimme des Duos: Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie mit eigener Praxis in Weilheim in Oberbayern, tiefenpsychologisch ausgerichtet und EMDR-Therapeut. Bekannt wurde er 2020 mit dem Bestseller “Gestatten, ich bin ein Arschloch”, in dem er sich selbst mit einem Augenzwinkern als “netter Narzisst” vorstellte und damit hierzulande eine breite Debatte über das Thema anstieß. Er arbeitet außerdem seit über 25 Jahren als medizinischer Fachberater für Film und Fernsehen und hat 2025 das Institut für persönliche Selbstentfaltung in Dortmund mitgegründet.
Das Versprechen des Buchs: Führungspersönlichkeiten sollen in ihrer psychologischen Handlungskompetenz gestärkt werden, mit leicht umsetzbaren Strategien und praxisnahen Tools, um narzisstische Muster zu erkennen und konstruktiv zu navigieren, “das Beste aus Wissenschaft und Praxis”, ganz ohne Psychologie-Diplom. Ein hoher Anspruch, an dem sich das Buch messen lassen muss. Steigen wir also gleich etwas tiefer in die Inhalte ein.
Die Inhalte
Das Buch besteht aus drei Teilen mit je einem großen Kapitel, gerahmt von Vorwort, einem bemerkenswert ausführlichen Disclaimer, einer Einleitung und dem Schlusskapitel “Blick nach vorn”. Dazu kommen ein Quellenverzeichnis mit 154 Belegen, ein Stichwortverzeichnis sowie durchgängig Infokästen, Exkurse, Impulsfragen zur Selbstreflexion und Fallvignetten aus anonymisierten realen Therapie- und Beratungsverläufen. Schon der Disclaimer setzt den Ton: keine Ferndiagnosen.
Der rote Faden: Narzissmus ist kein Etikett für schwierige Mitmenschen, sondern ein Spektrum, das in uns allen angelegt ist. Der Begriff sei, so zitieren die Autoren den Psychologieprofessor Mitja Back, “der Sündenbock unserer Zeit”. Wer den überdimensionierten Egos anderer standhalten will, muss deshalb zuerst das Verhältnis zum eigenen Ich klären.
Teil I: Crashkurs “Narzissmus für Führungskräfte”
Der erste Teil ist ein kompakter, sauber belegter Forschungsüberblick. Er spannt den Bogen vom Narziss-Mythos über Freud bis zur aktuellen Empirie: Narzissmus als Kontinuum zwischen subklinischer Eigenschaft und Persönlichkeitsstörung, die zentrale Unterscheidung von grandiosem und vulnerablem Narzissmus sowie vier selbstregulatorische Strategien mit den eingängigen Namen “Showtime”, “Fight Mode”, “Schneckenpanzer” und “Moralapostel”. Es folgen Kapitel zu Geschlechterunterschieden (messbar, aber winzig; der Gender Bias in der Wahrnehmung wiegt deutlich schwerer), zur Entstehung zwischen Genetik, Erziehung und Bindung, zum “narzisstischen Gehirn” mit seinem überaktiven sozialen Schmerznetzwerk und zur Dunklen Tetrade aus Narzissmus, Machiavellismus, Psychopathie und Sadismus. Das CEO-Kapitel arbeitet mit der Jekyll-und-Hyde-Metapher: Dieselben Eigenschaften, die in Krisen als visionäre Führung gefeiert werden und dort sogar messbar mit besserer Unternehmensleistung einhergehen können, erodieren langfristig Vertrauen und Teamkultur. Besonders wertvoll fand ich die Warnung vor Verwechslungen: Was im Büro wie Narzissmus aussieht, kann ebenso gut ADHS oder Autismus sein. Diese Sorgfalt in der Differenzierung und Beschreibung hebt den Teil deutlich vom üblichen Ratgeberniveau ab.
Teil II: Merkmale narzisstischer Persönlichkeiten
Im Mittelteil wechselt das Buch die Tonlage,. Die Autoren greifen auf C. G. Jung zurück: Schatten, Archetypen, Persona, Ich-Inflation und Ich-Deflation, die “Prüfungen des Ichs” aus dem Roten Buch. Narzissmus erscheint hier als Entwicklungsstufe des Ichs, die erst durch die Begegnung mit dem eigenen Schatten reift. Das ist als Deutungsfolie hilfreich, kollidiert aber spürbar mit dem empirischen Duktus des ersten Teils; wenn ein Buch, das eben noch Effektstärken referierte, nun erklärt, das Ich sei “eine Illusion, die eine Aufgabe braucht”, muss man das mögen. Die Autoren räumen den Stilbruch immerhin offen ein.
Handfester wird es mit dem eigens für das Buch entwickelten OK, BUP!-Modell, einer Fünf-Finger-Regel narzisstischer Dynamiken mit fünf Personas. Jede Persona kommt mit Fallvignette, Red Flags und Dos and Don’ts, und das Modell wird konsequent auch auf Teams und ganze Organisationen übertragen, inklusive kollektiver “Ködersätze” wie “Wir sind das Herz des Unternehmens, wir dürfen uns mehr erlauben”. Das stärkste Stück des Mittelteils ist für mich die Auseinandersetzung mit Manipulation: DARVO (Leugnen, Angreifen, Opfer-Täter-Umkehr), “Hardball-Taktiken”, Ja-Sets, Brunnenvergiftung, dazu die Schutzkonzepte “persönliche Fülle” und “Unverhandelbares”. Getragen wird das Ganze von einer dreiteiligen realen Fallgeschichte über einen Pflicht-Workshop für angehende Führungskräfte, in dem manipulative Techniken als “Change-Kompetenz” gelehrt werden. Diese Passage allein lohnt die Lektüre.
Teil III: Narzissmus menschlich begegnen
Der dritte Teil ist der Werkzeugkasten. Er stützt sich explizit auf drei therapeutische Schulen: die klärungsorientierte Psychotherapie nach Sachse, das integrative Konzept nach Lammers und die mentalisierungsbasierte Therapie nach Fonagy und Drozek. Zunächst werden Grundlagen geklärt: die Doppelrolle als Spiegel und Sparringspartner, Widerstand als Ausdruck von Angst und der “Beziehungskredit” als Vertrauenskonto, von dem jede Konfrontation abbucht. Dann folgen Gesprächstechniken, darunter die “Klärung” mit dem schönen, auch von uns am xm-institute in lösungsfokussierten Kontexten häufig verwendeten, Drehbuchtest (so lange nachfragen, bis man die geschilderte Szene verfilmen könnte) und die “Affektelaboration”, die von kognitiven Eindrücken zu echten Gefühlen führt. Den Abschluss bilden zehn Interventionen nach einheitlichem Schema, von empathischer Validierung über Grenzsetzung und den Umgang mit Beziehungstests bis zu Modussprache und Ressourcenaktivierung mit der 80/20-Regel, alle mit ausformulierten Beispieldialogen. Das ist ungewöhnlich substanziell. Zugleich stammen viele dieser Techniken erkennbar aus dem therapeutischen Setting, und die Frage, wo eine Führungskraft mit Beurteilungsmacht ihre Rolle überdehnt, wird eher gestreift als beantwortet.
Der “Blick nach vorn” bündelt drei Botschaften: Vieldeutigkeit aushalten, den Blick auf die eigenen narzisstischen Anteile richten und gesellschaftliche Inszenierungsmuster kritisch betrachten.
Das Fazit
Alles in allem löst das Buch sein Versprechen weitgehend ein. “Ego first!” gehört zu den fundierteren Titeln im mittlerweile unübersichtlichen Narzissmus-Genre: wissenschaftlich belastbar, im Ton konsequent entstigmatisierend und mit einem Praxisteil, der diesen Namen wirklich verdient.
Aus Beratungs- und Führungsperspektive sind drei Dinge besonders wertvoll:
- Erstens die Doppelperspektive auf Individuum und System: Dass narzisstische Dynamiken auch auf Team- und Organisationsebene beschrieben werden, macht das Buch für systemisch arbeitende BeraterInnen anschlussfähig, wo die meiste Genre-Literatur bei der Einzelperson stehen bleibt.
- Zweitens der Werkzeugkasten in Teil III; Konzepte wie Beziehungskredit, Drehbuchtest oder die Unterscheidung zwischen Kritik und Beziehungstest lassen sich unmittelbar in die eigene Gesprächspraxis übernehmen.
- Drittens die schonungslose Analyse manipulativer Kommunikation, bis hin zur unbequemen Frage, was es bedeutet, wenn Unternehmen solche Techniken selbst als Führungskompetenz lehren. Das ist mutig, auch gegenüber der eigenen Weiterbildungs- und Beratungsbranche.
Die Schwächen liegen, wenn überhaupt, im Mittelteil. Der jungianische Zugang verlangt Geduld und Offenheit für symbolisches Denken und der Spagat zwischen Empirie und Tiefenpsychologie gelingt nicht durchgehend. Das OK, BUP!-Modell ist ein eingängiges Ordnungsraster, aber keine validierte Diagnostik, und die Überlappungen zwischen den fünf Achsen bleiben unbesprochen. Zugleich wäre es zu einfach, dem Buch daraus einen Strick zu drehen: Der erzählerisch-symbolische Zugang macht gerade die Fallvignetten so plastisch und die Autoren legen ihre Karten offen. Etwas mehr Klarheit über die Grenze zwischen Führung und therapeutischer Rollenüberdehnung hätte ich mir dennoch gewünscht.
Und so sei das Buch allen Führungskräften, HR-Verantwortlichen, Coaches und BeraterInnen empfohlen, die narzisstischen Dynamiken in Organisationen mit Substanz statt mit Etiketten begegnen wollen und bereit sind, dabei zuerst auf das eigene Ego zu schauen. Wer eine schnelle Checkliste zum Entlarven von “Narzissten” sucht, greife besser gar nicht erst zu; genau gegen diesen Reflex ist das Buch geschrieben. Ich habe es mit Gewinn gelesen.
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Transparenzhinweis: Das Buch wurde mir vom Verlag kostenfrei zur Verfügung gestellt. Meine Meinung bleibt davon unberührt.
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