Die Autoren und das Buch

Toolbox KI-gestütztes Lernen - Rezension - Dr. Oliver Mack - xm-instituteWerner Sauter und Daniel Stoller-Schai setzen mit dieser Toolbox ihr 2025 erschienenes Grundlagenbuch „Selbstorganisiertes Lernen mit generativer KI“ (bereits auf unserem Blog rezensiert) fort und übersetzen dessen Konzept in ein Arbeitsbuch für die Praxis. Der Kern bleibt derselbe: Dialogisches Lernen vollzieht sich in einem Dreiklang aus „Lerne alleine“, „Lerne mit KI“ und „Lerne mit anderen“, inspiriert vom sokratischen Gespräch. Die generative KI wird darin zum ständig verfügbaren Lern-Sparringspartner, der Lernprozesse plant, begleitet und anreichert. Als Vorbild für das Format nennen die Autoren ausdrücklich Peter Senges „Fieldbook zur Fünften Disziplin“, das dessen Konzept der Lernenden Organisation in ein praktisches Arbeitsbuch überführte.

Die Grundthese ist eine Absage an das klassische Vorratslernen: Gelernt wird nicht mehr, wenn ein Seminar angeboten wird, sondern wenn eine Herausforderung im Arbeitsprozess zu bewältigen ist. Curriculare Lehrprogramme verlieren nach Auffassung der Autoren massiv an Bedeutung und beschränken sich künftig auf Grundlagenbildung und Pflichtmaßnahmen. An ihre Stelle treten personalisierte Lernpfade auf Basis einer KI-gestützten Skills-Diagnostik, flankiert von Lernbegleitern, Führungskräften als Entwicklungspartnern und einem „Lernhaus“ als Ermöglichungsraum, das Learning & Development aufbaut und pflegt.

Steigen wir sogleich in die Inhalte ein.

Die Inhalte

Das Buch besteht aus einem Vorwort, sechs “Toolboxen” für unterschiedliche Zielgruppen und einer Zusammenfassung mit zehn Takehome Messages. Die Leserschaft wird durchgängig geduzt. Randspalten mit Toolbox-Markern erleichtern den Zugriff, fast jede Methode folgt demselben Beschreibungsraster und wird von Mini-Prompts begleitet, die man direkt ausprobieren kann. Eine laufend aktualisierte Prompt-Library steht online bereit. Die Autoren legen offen, dass der Redaktionsstand Ende 2025 ist und die Grafiken mit NotebookLM erstellt wurden.

Der rote Faden des Buchs: Dialogisches Lernen vollzieht sich in einem Dreiklang aus “Lerne alleine”, “Lerne mit KI” und “Lerne mit anderen”, inspiriert vom sokratischen Gespräch. Gelernt wird, wenn eine echte Herausforderung im Arbeitsprozess ansteht. Das klassische Vorratslernen nach Curricula schrumpft in dieser Sicht auf Grundlagenbildung und Pflichtmaßnahmen zusammen, den Rest übernehmen personalisierte Lernpfade auf Basis einer KI-gestützten Skills-Diagnostik.

Toolbox 1: Lernarchitektur
Das Zielbild eines “Future Learning” mit drei Lernwelten und sechs Lernaktivitäten, dazu die Begriffe “AI-Literacy” (Kompetenz) und “AI-Mindset” (Haltung). Kern ist ein Rollenmodell mit fünf Akteuren: Lernende, Lernarchitekten (die bisherigen Personalentwickler), Lernbegleitende (die bisherigen Trainer), Führungskräfte als Entwicklungspartner und Learning & Development als Betreiberin eines “Lernhauses” als Ermöglichungsraum.

Toolbox 2: Der kulturelle und wirtschaftliche Nutzen
Eine kurze Argumentationssammlung für Entscheider: neue Lernkultur mit bedarfsgenauem Lernen im Arbeitsfluss, dazu Effizienzgewinne, skalierbare Diagnostik und Kostenersparnisse von bis zu zwei Dritteln gegenüber traditionellen Lehr-Lern-Maßnahmen. Auf diese Rechnung komme ich im Fazit zurück.

Toolbox 3: Das Next Level Prompting
Prompting als strategische Basiskompetenz, nachgezeichnet in drei Entwicklungsstufen vom Zero-Shot-Prompting über den dialogischen Ansatz bis zum agentischen Prompting. Die vier Leitsätze des Grundlagenbuchs (etwa “Die Kreativität sitzt vor der Kiste”) werden um drei neue ergänzt, darunter “Lass die KI auch einmal führen”. Die ausgearbeiteten Prompt-Sequenzen reichen von der Schadenmeldung bis zur AI-Adoption-Roadmap für ein Schweizer KMU.

Toolbox 4: Die Skills-Diagnostik
Warum Werte und Kompetenzen (im Sinne von Erpenbeck und Heyse) den Kern der Lernziele bilden und wie KI-basierte Diagnostik-Software Soll-Profile ableitet, Selbst- und Fremdeinschätzungen bis zur 360-Grad-Erfassung auswertet und daraus adaptive Lernpfade generiert. Illustriert wird das mit Screenshots der oneclick Learning GmbH; für Organisationen ohne solche Software skizzieren die Autoren Workshops als zweitbeste Lösung.

Toolbox 5: Die Lernaktivitäten
Mit rund 230 Seiten der eigentliche Werkzeugkasten: über 60 Lernmethoden, gegliedert nach den Lernwelten. Das Spektrum reicht von agilem Lernen, Mentoring und Social Blended Learning über Working Out Loud, Communities of Practice, Barcamps, LernOS und Liberating Structures bis zu konkreten KI-Werkzeugen wie dem ChatGPT-Lernmodus, NotebookLM und DeepL Write, dazu Kombinationsformate wie KI-Lerntagebuch, KI-gestützte Lerntandems und kollegiale Fallberatung mit KI-Begleitung. Jede Methode wird nach demselben Raster beschrieben (Ursprung, Grundidee, Methodik, KI-Einsatz, Bewertung) und mit Mini-Prompts angereichert. Dass die historischen Wurzeln benannt werden (Lewin, Kolb, Schön, Wenger und Lave), hebt den Katalog über eine Trend-Liste hinaus.

Toolbox 6: Future Readiness
Der Schluss verschiebt den Fokus von Methoden auf Haltung: Zukunftsfähigkeit heißt Selbstlernkompetenz, nicht Tool-Wissen. Gegen das bequeme Auslagern des Denkens an die KI (“Cognitive Offloading”) setzen die Autoren eine “Think-first-Routine” und eine wöchentliche Schleife aus Wahrnehmen, Einordnen, Fokussieren und Üben. Die Zusammenfassung bündelt das Buch in zehn Takehome Messages, darunter: Lernen beginnt bei echten Praxisaufgaben, L&D wandelt sich vom Produzieren zum Ermöglichen, KI ist Verstärker ohne Verantwortungsübernahme.

Das Fazit

Alles in allem hält das Buch, was der Untertitel verspricht. Es ist ein Werkzeugkasten, und zwar der derzeit umfangreichste, den ich im deutschsprachigen Raum zu diesem Thema kenne. Für L&D-Teams, die ihre Lernarchitektur vom Kurskatalog zum Ermöglichungsraum weiterentwickeln wollen, liegt hier ein brauchbares Arbeitsinstrument vor. An der Methodenkenntnis der Autoren und an der handwerklichen Qualität der Prompt-Sequenzen gibt es wenig zu deuteln. Besonders die mehrphasigen Sequenzen wie der Meta-Prompt zur kollegialen Fallberatung sind sorgfältig gebaut. Erfreulich fand ich auch, dass die kritische Distanz zur Technik nicht fehlt. “KI generiert Antworten, aber keine Bedeutung. Bedeutung entsteht erst im Nachdenken über die Vorschläge.” (S. 35) Solche Sätze bewahren das Buch vor der Euphorie, die man bei dem Thema oft liest.

Etwas mehr Ausgewogenheit hätte ich mir bei der Nutzenargumentation gewünscht. Die Kostenersparnis von bis zu zwei Dritteln hängt an einer einzigen Quelle. Datenschutz bei der 360-Grad-Diagnostik, Akzeptanzfragen oder die schlichte Überforderung mancher Mitarbeitender durch so viel Selbstorganisation kommen nur am Rande vor. Auch die Nähe zu den eigenen Produkten der Autoren bleibt unkommentiert: Die Diagnostik-Toolbox illustriert durchgängig eine Software aus dem Umfeld von Sauters ValCom-Institut, die Prompt-Library liegt auf der Website von Stoller-Schais Beratungsfirma. Das ist legitim, ein Satz zur Einordnung hätte dem Buch aber gut getan. Der modulare Aufbau erkauft sich die Redundanz, macht das Werk im Gegenzug aber als Nachschlagewerk nutzbar, und genau dafür ist es gedacht.

Wer die konzeptionelle Herleitung sucht, greife zunächst zum Grundlagenbuch “Selbstorganisiertes Lernen mit generativer KI” (2025) derselben Autoren; die werte- und kompetenztheoretische Basis liefert Erpenbeck/Sauter, “Future Learning und New Work” (Haufe, 2024).

Und so sei das Buch allen Personalentwicklern, L&D-Verantwortlichen, Trainern, Lernbegleitern und Beratern für Corporate Learning empfohlen, die ihre Lernarchitektur in Richtung KI-gestütztes, selbstorganisiertes Lernen weiterentwickeln wollen und dafür einen breiten Methoden- und Prompt-Fundus suchen. Wer eine kritische, empirisch fundierte Auseinandersetzung mit KI im Corporate Learning erwartet, greife besser zu anderer Literatur. Ich habe das Buch mit Gewinn selektiv gelesen und werde einzelne Prompt-Sequenzen sicherlich in der eigenen Arbeit ausprobieren.

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Transparenzhinweis: Das Buch wurde mir vom Verlag kostenfrei zur Verfügung gestellt. Meine Meinung bleibt davon unberührt.