von Dr. Oliver Mack und Lothar Köppl

Am 22.& 23. November 2018 fand bereits zum wiederholten Male, wie alle zwei Jahre, der SySt-Business Kongress statt; eine Veranstaltung, die von Elisabeth Ferrari und Lothar Köppl ins Leben gerufen wurde. Die Grundidee ist es, den Wissensaustausch und das Netzwerken rund um die SySt-Schemata, -Ideen und -Methoden und deren Anwendung vor allem im Business-Kontext zu stärken.

Zwei Tage lang ging es diesmal unter dem Motto „Selbstorganisation, Agilität und Führungshandeln im Dialog“ um Aspekte, die inzwischen wohl im Mainstream von Unternehmen und Beratern angekommen zu sein scheinen und daher aktuell ein Thema vieler Kongresse und Workshops sind. Es war folglich eine umso größere Herausforderung für die diesjährigen Kuratoren des Kongresses, Lothar Köppl und Oliver Mack, gemeinsam mit dem SySt-Institut ein Programm für über 100 Teilnehmer zu schaffen, das informativ, inspirierend und interaktiv genug ist, um SySt-Interessierte und -Kenner, Praktiker aus Unternehmen und anderen Organisationen sowie Berater gleichermaßen zufriedenzustellen. Im Kern war die Idee, Agilität und Selbstorganisation aus der SySt-Perspektive nicht nur zum Thema zu machen, sondern auch für die Teilnemenden im Kongress-Design wie selbst-ähnlich erleben zu lassen. Ein paar Gedanken, die uns hierbei leiteten, wollen wir hier gerne teilen.

Die beiden Tage hatten unterschiedliche Schwerpunktthemen:

Tag 1 – Selbstorganisation und Agilität,

Tag 2 – Leadership in diesem Umfeld.

Von Beginn an ging es für uns im gesamten Design darum, das GPA Schema gut in seinen drei Polen abzudecken:

  • Neues Wissen und Erkenntnisse für die Teilnehmenden bereitzustellen (E)
  • Die Teilnehmenden untereinander und mit den Referent*Innen gut in Verbindung zu bringen (V) und
  • Eine gute Struktur und Systematik über den Gesamtverlauf der Veranstaltung, sowie auch bei jeder einzelnen Sequenzen Klarheit und Orientierung zu geben (O).

Auch die Selbstorganisation der Teilnehmenden sollte von Beginn an schrittweise gesteigert werden.

Nach einer bewegten Einstiegssequenz ging es zunächst um eine Konkretisierung der wichtigsten Begrifflichkeiten, wie VUCA-Welt, Digitale Revolution, Agilität, Flexibilität, Selbstorganisation und Oszillierende Organisation, die häufig sehr vage und unterschiedlich in der Business Praxis verwendet werden. Hierzu wurden die Teilnehmenden aktiv eingebunden, indem sie wie bei einer „Demo“ Schilder mit den Begriffen hochhielten und der Sitznachbar eine Definition des Begriffes für alle gut hörbar vorlas. Matthias Varga von Kibéd gab jeweils eine kurze Resonanz aus SySt-Perspektive zu jedem Begriff. In einem sehr bereichernden und vertiefenden Vortrag stellte er abschließend seine Sicht auf die ganzheitliche Vernetzung der Begriffe dar.

In einer nächsten interaktiven Sequenz ging es dann darum, anhand des Tetralemma die so häufig postulierte provokante Polarität zwischen „Hierarchie“ als veraltete und überholte Form und „Selbstorganisation“ als moderne Lösung für alle Probleme näher zu erkunden. Mit Hilfe des „SySt Spannungskarten Sets“ arbeiteten die Teilnehmenden in Kleingruppen an den fünf Positionen des Tetralemmas und tauschten im Anschluss ihre gewonnenen Erkenntnisse im Plenum aus.

Nach dem Mittagessen starteten wir kraftvoll mit der Keynote der Geschäftsführung der Systelios Kliniken zum Thema „Organismus und Organisation – Wer dient wem wofür?“; und ihren konkreten Erfahrungen mit Selbstorganisation im Unternehmensalltag.Systelios Kliniken - SySt Business Kongress - xm-institute - Oliver Mack

Dann ging es in den „Central Garden“, ein fokussiertes Format, bei dem die Teilnehmemden in parallel laufend Kurzvorträge und Workshops gehen konnten. Hierbei ging es uns vor allem darum, folgende Aspekte gut zu verbinden:

  • Inhaltlich wollten wir neben Beraterworkshops mit SySt-Bezug vor allem viele Praxisbeispiele aus der Industrie, bei denen alle Teilnehmenden praktisch-inhaltlich lernen, SySt-Experten aber auch die Themen aus ihrer SySt-Brille heraus betrachten können, wobei sage und schreibe 3 x 5 Workshopslots zur Verfügung standen. Diese waren in drei Bereiche unterteilt: „Arbeits-Welten“ für Praktikervorträge, „Tool-Welten“ zu Tools für agile und selbstorganisierte Teams und „Dialog-Welten“. Letztere waren mit einem offenen Workshop-Dialogformat mit Rabbi Nilton Bonder aus Brasilien ein weiteres Highlight des SySt-Business Kongresses. In den Dialogwelten hatten wir ganz im Sinne eines Barcamps und der Selbstorganisation der Teilnehmenden auch vier freie Slots und Räume eingeplant, die zu unserer Freude auch von Teilnehmenden proaktiv genutzt wurden, um spontan eigene Themen und Facetten mit anderen zu vertiefen.
  • Zeitlichging es uns darum, einerseits den Teilnehmenden viele verschiedene und fundierte Eindrücke zu bieten, andererseits aber auch Agilität im Format erlebbar zu machen. Hierfür haben wir die Workshopzeit auf 40 Minuten „Timeboxes“ beschränkt. Fünf Vorträge liefen immer parallel in drei Iterationen und waren dann von 20 Minuten Pause unterbrochen, um sich mit Teilnehmenden aus anderen Workshops über das Erlebte auszutauschen und einen neuen Workshop für die nächste Iteration zu finden.
  • Auf sozialer Ebeneging es uns darum, die Teilnehmenden ein eine Form der Selbstverantwortung zu führen, für sich eine spannendes individuelles Programm zusammenzustellen und andererseits in die Verpflichtung zu gehen, das Erlebte immer wieder in Interaktion mit anderen Kongressmenbers zu teilen. Aspekte, die in selbstorganisierten und agile Projekt- und Unternehmensstrukturen besonders relevant sind.

Im Anschluss folgte als Design-Kontrast im Plenum ein Kurzimpuls von Dr. Oliver Mack zur Organisationsform „Netzwerke“ und einem darauf aufbauenden Interview mit einem Praxis-Experten vom „Consumergoods Forum“, einer unternehmensübergreifenden Netzwerkorganisation der Konsumgüterindustrie und des Handels. Eine kabarettistische und humorvolle Zusammenfassung der Extraklasse fasste  Tag eins noch einmal zusammen;-)

Am zweiten Tag ging es darum, ausgewählte Logiken des Führungshandelns in Agilität und Selbstorganisation zu erforschen und gemeinsame Ideen zur Weiterentwicklung und Förderung dieses Führungshandelns zu generieren.

Zum Einstieg gab es eine Selbsterfahrungsübung zum Thema Selbstorganisation: Die Teilnehmenden erhielten Spielkarten mit Nummern und sollten sich möglichst schnell in aufsteigender Reihenfolge in einer Reihe ordnen und das Erlebte dann kurz reflektieren. Nach anfänglichem (zumindest aus der Beobachterperspektive erscheinendem) „Chaos“ und einer folgenden ersten Orientierung ging es dann sehr zügig und zunehmend „wie von selbst“ für alle Teilnehmenden. Zur Einführung in das Tages-Thema gab es dann einen Kurzimpuls von Dr. Oliver Mack zum „Führungsbegriff nach SySt“.
Matthias Varga von Kibéd vertiefte direkt im Anschluss in seinem umfangreichen Schlüsselvortrag das Thema „Selbstwirksamkeit zwischen Eigenverantwortung & Vertrauen“ und zeigte hierbei auf, wie Kernaspekte der SySt- Arbeit einen wertvollen Beitrag zur Führungsarbeit in Agilität und Selbstorganisation leisten können. Hierbei musste er leider für Insa Sparrer einspringen, die aufgrund einer starken Erkältung in diesem Jahr nicht dabei sein konnte, hatte aber versichert, im Vorfeld ausgiebig von ihr gebrieft worden zu sein. Im Anschluss hatten die Teilnehmenden die Möglichkeit, das Gehörte in kleinen Gruppen zu diskutieren und zu verarbeiten und mit Matthias Varga von Kibéd aus den Gruppen heraus mit ihren Gedanken und Fragen in Kontakt zu treten.

Im Anschluss hieran folgte ein spannender und ausgedehnter Dialog zwischen Matthias Varga von Kibéd und Rabbi Nilton Bonder, in welchem das Thema „Paradoxien und Paradoxe Lösungen“ im Mittelpunkt stand – eine wertvolle Fähigkeit für Führungskräfte.

Abschließend ging es in das „Barcamp Plus“ – ein interaktives Format für alle Teilnehmenden, bei dem es darum ging, selbstorganisiert Take-Aways aus dem Kongress zu produzieren und in einen abschließenden Dialog mit den Referent*Innen zu treten. Dabei waren uns im Design zwei Aspekte besonders wichtig:

  • Mit allem Gehörten über die letzten zwei Tage wollten wir den SySt Neulingen die Möglichkeit geben, noch mehr über die SySt Formate zu erfahren. Den erfahrenen SySt-Kennern wollten wir gleichzeitig die Chance geben, das Gehörte aus Theorie und Praxis gemeinsam zu neuen Ideen und Erkenntnissen zu verbinden.
  • Auch wollten wir ein weiteres agiles Tool, einen „Canvas“, einführen. Dieser ist ein strukturgebendes Plakat mit unterschiedlichen Feldern, das in Gruppenarbeit ohne viel externe Unterstützung die Bearbeitung komplexer Fragestellungen vereinfacht. Wir haben hierzu den SySt Agile/Selbstorganisations-Canvas entwickelt, der helfen sollte, beide Welten gut miteinander zu verbinden. Hierbei ging nach einem Ideenbrainstorming um die konkrete Verbindung von spezifischen SySt-Formaten und Schemata mit einem Agilen Framework oder Methode; und um die Ableitung von Ideen, welchen Unterschied dies konkret bei der Führung machen kann. Neben dem Canvas stellten wir hierzu den Teams vorgefertigte Beschreibungen wichtiger SySt-Schemata, Agilen Tools und Frameworks zur Verfügung.

Die einzelnen Kleingruppen arbeiteten, begleitet von Referent*Innen, am Canvas , um so neben der Inhaltlichen Arbeit in einen abschließenden Dialog zu kommen. Die Ergebnisse der Kleingruppenarbeit wurden abschließend im Plenum geteilt.

Wir hoffen, dass es uns gelungen ist, den Teilnehmenden ein wenig Hintergrundinformationen zu unserem Design zu liefern und so vielleicht den Kongress nochmals in Erinnerung gerufen zu haben. Für alle Nicht-Teilnehmenden hoffen wir ebenso einen praktischen Beitrag mit Anregungen zur Gestaltung von Großgruppenveranstaltungen mit über 100 Personen geliefert zu haben. Über Rückmeldungen und Austausch freuen wir ganz besonders.

 

Ursprünglich war der Artikel für die aktuelle Ausgabe der Zeitschrift “Systemischer” geplant. Da sich diese verzögert, wollen wir Euch den Artikel nicht vorenthalten und veröffentlichen ihn auf dem xm:institute Blog.

Dr. Oliver Mack – oliver@xm-institute.com
Lothar Köppl – koeppl@konmedio.de