Der Autor und das Buch
Thomas Pisars Buch trägt den Untertitel “Wie antifragile Organisationen mit Disruptionen besser werden” und stellt sich einer Frage, die viele Organisationen umtreibt: Wie können Unternehmen in einer Welt, deren Veränderungsgeschwindigkeit exponentiell zunimmt, nicht nur überleben, sondern von Störungen tatsächlich profitieren? Seine Antwort verbindet zwei intellektuelle Traditionen, die bisher selten zusammengedacht wurden: Dave Snowdens Cynefin-Framework zur Entscheidungsfindung in komplexen Kontexten und Nassim Talebs Konzept der Antifragilität. Das Buch ist Anfang 2026 bei Wiley erschienen und umfasst gut 330 Seiten.
Der Autor, Dr. Thomas Pisar, studierte Technische Physik an der TU Wien und begann seine berufliche Laufbahn als externer Berater und Dienstleister, bevor er zur A1 Telekom Austria wechselte. Dort durchlief er über 25 Jahre eine klassische Linienkarriere vom Team- und Gruppenleiter über den Abteilungsleiter bis zum Director und CIO. Heute ist Pisar wieder zurück in Beratung und Training für Change und Transformation.
Was das Buch bereits auf den ersten Blick besonders macht, ist aus meiner Sicht das Geleitwort von Dave Snowden, dem Erfinder des Cynefin Frameworks. Snowden ordnet das Buch in den breiteren Diskurs um Resilienz und Antifragilität ein und räumt offen ein, dass Pisars Argumentation sein eigenes Denken über Resilienz verschoben hat – ein bemerkenswert ehrliches Zugeständnis. Das Geleitwort nutzt die Metapher von Wellenbrecher und Marschland, um den Unterschied zwischen Robustheit und fortdauernder Anpassungsfähigkeit greifbar zu machen. Es endet mit typischen Snowden’schen Worten: “Thomas’ Buch ist ein bedeutender Beitrag auf diesem Weg – ich stimme vielem zu, bin mit vielem nicht einverstanden, aber vor allem: Es hat mich zum Nachdenken gebracht.”
Doch steigen wir nun etwas genauer in die Inhalte ein.
Die Inhalte
Einleitung
Pisar legt dar, warum Organisationen angesichts der exponentiell steigenden Veränderungsgeschwindigkeit neue Denkmodelle brauchen. Er verwirft sowohl das Antizipieren als auch das aktive Gestalten der Zukunft als tragfähige Strategien und plädiert stattdessen dafür, Organisationen auf die Ungewissheit selbst auszurichten. Die Einleitung macht auch transparent, was das Buch nicht sein will: ein Rezeptbuch mit einfachen Antworten – wer “Drei Schritte zum Erfolg” sucht, wird hier nicht fündig.
Kapitel 1: Cynefin, Entropie, Komplexität und komplex-adaptive Systeme
Dieses umfangreiche Grundlagenkapitel führt in das Cynefin-Framework mit seinen vier Domänen (klar, kompliziert, komplex, chaotisch) sowie der zentralen Zone (Aporie und Confusion) ein. Pisar arbeitet anschließend den Unterschied zwischen Entropie und Komplexität heraus – zwei Begriffe, die im Organisationskontext häufig synonym verwendet werden, aber grundlegend Verschiedenes meinen. Den Abschluss bildet eine Einordnung von Organisationen als komplex-adaptive Systeme mit Überlegungen zu Hierarchie, Heterarchie und dezentraler Steuerung.
Kapitel 2: Ein paar Gesetze
Pisar stellt zwei Gesetze vor, die für das Verständnis von Organisationen zentral sind: Ashby’s Law (hier unser xm-institute Thought-Bite) der erforderlichen Varietät und Conway’s Law (hier unser xm-institute Thought Bite) über den Zusammenhang von Kommunikationsstrukturen und Systemarchitekturen. Ashby’s Law wird dabei über die reine Kybernetik hinaus auf Komplexität erweitert – die Frage lautet nicht mehr “Haben wir genug Optionen?”, sondern “Hat unsere Organisation die passende Komplexität für ihre Umwelt?”. Conway’s Law wiederum erklärt, warum technische Systeme immer ein Abbild der sozialen Strukturen sind, die sie hervorgebracht haben.
Kapitel 3: Ein Modell für Organisationen
Hier entwickelt Pisar sein eigenes Organisationsmodell, das ASO (Adaptives Systemmodell für Organisationen), das zwischen Geschäftsmodell (das Was) und Betriebsmodell (das Wie) unterscheidet. Die Organisation wird als soziotechnisches System aus drei Teilsystemen beschrieben: dem sozialen System, dem technischen System und, als eigene Kategorie, dem KI-System. Durch physikalische Metaphern wie Kräfte und Energiegradienten wird veranschaulicht, wie Organisationen als “Komplexitätsabsorber” fungieren und wo die Grenze zwischen notwendiger und reduzibler Komplexität verläuft.
Kapitel 4: Change und Transformation
Das Kapitel ordnet verschiedene Change-Methoden den Komponenten des ASO zu: strategische Geschäftsentwicklung für das Geschäftsmodell, Organisationsentwicklung für das Betriebsmodell, People-Change für das soziale System, Technik-Change für IT und KI. Pisar argumentiert, dass klassische Change-Modelle wie Kotters acht Stufen in der komplexen Domäne an ihre Grenzen stoßen, weil sie ein stabiles Zielbild voraussetzen. Stattdessen plädiert er für ein Vorgehen mit Richtungsvektoren und Safe-to-Fail-Experimenten, bei dem Fortschritt über Mikro-Narrative statt über klassische KPIs gemessen wird.
Kapitel 5: Was ist antifragil?
Pisar führt den zentralen Begriff des Buches ein und grenzt vier Reaktionsmuster auf Störungen voneinander ab: fragil, robust, resilient und antifragil. Er betont, dass Antifragilität keine absolute Eigenschaft ist, sondern immer an eine konkrete Wechselwirkung zwischen System und Störung gebunden bleibt – abhängig von Dosis, Zeit und Kontext. Das Kapitel stellt zudem Talebs Prinzipien (Barbell, Optionalität, Via negativa, Skin-in-the-Game) vor und diskutiert das Spannungsfeld zwischen Design und Evolution in Organisationen, illustriert durch ein ausführliches Praxisbeispiel einer Reorganisation.
Kapitel 6: Die antifragile Organisation
Das mit Abstand längste und praxisorientierteste Kapitel bildet das Herzstück des Buches. Pisar gliedert die Aspekte antifragiler Organisation in strukturelle Elemente (Dezentralisierung, Diversität, Modularität, Redundanz) und dynamische Elemente (Freiräume, schwache Signale, dosiertes Chaos, Lern- und Merkfähigkeit). Besonders tiefgehend behandelt er die Themen Anpassungsfähigkeit und Change, inklusive des Konzepts der Wirtschaftsdramaturgie als Alternative zu klassischem Storytelling. Ebenso diskutiert er die Frage, wie KI das organisationale Spiel verändert. Die zahlreichen Praxisbeispiele, von Self-Selection über den “sozialen Chaos Monkey” bis zu konkreten Constraint-Designs, machen abstrakte Konzepte unmittelbar greifbar.
Schlusswort
Pisar destilliert die Kerngedanken des Buches in handlungsleitende Heuristiken: Kontext vor Methode, Komplexität arbeitsteilig absorbieren, Transformation über Rahmenbedingungen steuern, Via negativa praktizieren. Das Schlusswort verdichtet 336 Seiten auf wenige Seiten pragmatischer Orientierung und endet mit einer ermächtigenden Botschaft: Wir sind von Komplexität umgeben, aber bei Weitem nicht hilflos.
Das Fazit
Pisar schreibt lebendig, direkt und mit einem Schuss trockenem Humor. Man merkt den Keynote-Speaker: Die Sprache ist zugänglich, ohne trivial zu werden. Metaphern aus der Physik werden konsequent durchgehalten, ohne zu überstrapazieren – vom Wasser, das den Weg der niedrigsten Energie sucht, bis zur “Temperaturerhöhung” in Organisationen durch ungerichtete Energie. Der Aufbau ist systematisch: Von den theoretischen Grundlagen (Cynefin, Entropie, komplex-adaptive Systeme) über Ashbys und Conways Gesetze zum eigenen Organisationsmodell und schließlich zur antifragilen Organisation. Der rote Faden ist klar, auch wenn man sich durch die ersten Kapitel durcharbeiten muss, bevor die Praxisrelevanz voll greift. Besonders gelungen sind auch die persönlichen Anekdoten – vom Guinness-Abend in Graz, der das Buch inspirierte, bis zu den eigenen Change-Erfahrungen, bei denen “eine gehörige Portion Glück” im Spiel war.
Was inhaltlich im Buch auf den ersten Blick wie eine akademische Übung wirkt, erweist sich als produktive Synthese. Cynefin liefert das Werkzeug zur Einordnung von Situationen, Antifragilität den Gestaltungsrahmen für die Reaktion. Pisar verwebt beides zu einem kohärenten Denkmodell, das in der Praxis anwendbar ist. Dass Dave Snowden selbst ein Geleitwort verfasst hat und einräumt, das Buch habe sein eigenes Denken über Resilienz verschoben, spricht für die Qualität der Argumentation. Ein weiterer Aspekt, den wir hier am xm-institute mit unserem Verständnis von Komplexität und Leadership in der nächsten Gesellschaft voll teilen: Kultur ist emergent und lässt sich nicht direkt verändern. Wer Verhalten ändern will, muss Strukturen und Constraints anpassen, nicht Mindset-Parolen verbreiten. Diese klare Absage an das “Wir brauchen ein anderes Mindset”-Narrativ ist wohltuend nüchtern und durch die systemtheoretische Herleitung überzeugend begründet.
“Komplexität als Stärke” liefert einen Perspektivenwechsel, der in der deutschsprachigen Managementliteratur so bisher fehlte. Thomas Pisar gelingt es, die oft getrennt diskutierten Welten von Cynefin und Antifragilität zu einem praktikablen Denkmodell zu verbinden. Die zentrale Botschaft – Organisationen so zu gestalten, dass sie von Störungen profitieren, statt nur zu überleben – ist gerade in Zeiten von KI-Disruption, geopolitischer Unsicherheit und permanentem Wandel hochrelevant.
Das Buch ist kein Quick-Fix-Ratgeber und will das auch nicht sein. Es ist eine Einladung zum Nachdenken, untermauert durch solide Theorie und persönliche Praxiserfahrung. Wer sich darauf einlässt, gewinnt einen Ordnungsrahmen, der weit über das nächste Transformationsprojekt hinaus trägt.
Und so sei es allen Führungskräften empfohlen, die über Agilität hinausdenken und ihre Organisation auf echte Anpassungsfähigkeit ausrichten wollen. Ebenso finden BeraterInnen und OE-ExpertInnen wertvolle Ideen zu Cynefin und Antifragilität und einen fundierten systemtheoretischen Rahmen.
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Transparenzhinweis: Das Buch wurde mir vom Verlag kostenfrei zur Verfügung gestellt. Meine Meinung bleibt davon unberührt.
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