Jantscher/ Lauchart-Schmidl - Being in Organizations - Rezension - xm-institute - Dr. Oliver MackIn unserer heutigen Buchbesprechung gehts um das neue Buch der beiden Beraterinnen Anna Jantscher und Nicole Lauchart-Schmidl, die beide als systemische Beraterinnen der Gruppe Neuwaldegg in Wien tätig sind. So erscheint auch dieses Buch wie einige Neuwaldegger Vorgänger in der blauen systemischen Reihe des Schäffer-Poeschel Verlags. Es umfasst rund 220 Seiten und 11 Kapitel, die wie bei jedem Buch dieser Reihe, zur besseren Orientierung von einem Inhaltsverzeichnis und einem Literatur- und Stichwortverzeichnis umschlossen sind. Der denglische Titel erhielt den Untertitel “Die Beziehung zwischen Mensch und Organisation lebendig gestalten”, wobei für mich erfreulicherweise nicht Begriffe wie Agilität oder New Work verwendet wurden, um das Buch “verkaufsgeschmeidig” zu machen. Dennoch hat das Buch viel mit diesen Themen zu tun, wie wir noch sehen werden. 

Im ersten Kapitel beschreiben die Autorinnen, um welche Fragestellung es ihnen geht: Den Blick auf die Ganzheit. Dabei verweisen sie auf Laloux, der, wie viele andere aktuelle AutorInnen im Megatrend “New Work” die ganzheitliche Einbringung des Menschen in die Organisation fordert und als Ziel für eine bessere Arbeit identifiziert. Die beiden Autorinnen wollen dieser Frage etwas tiefer auf den Grund gehen und fragen sich ob dies überhaupt sinnvoll und möglich ist und wenn ja wie. In einem ersten Schritt werden drei Aspekte identifiziert, die hierbei wichtig sind: Die Organistion als solche, die Menschen und deren Potenziale und damit die “Ganzheit” sowie schließlich die Beziehung zwischen den beiden. 

Im Kapitel 2 geht es dann zunächst unter anderem unter Bezugnahme auf Niklas Luhmanns und Stefan Kühls systemisch-soziologische Gedanken um die generelle Logik der Organisation. Organisationen werden im Zusammenspiel zwischen Sinn, Mitgliedschaft und Hierarchie konkretisiert und als Kommunikations- und Entscheidungskonstrukt nach Luhmann konzeptualisiert. Abschließend stellt sich dann die Frage nach der Erwartung der Organisation an den Menschen.   

Kapitel 3 beschäftigt sich dann mit der Frage, wie Menschen “ticken”. Es geht um Bedürfnisse, Gefühle und Wahrnehmung und was beim Menschen Ganzheit bedeuten könnte.

In Kapitel 4 gehts dann um das „dazwischen“ – das Thema „Beziehung“. Die Aufarbeitung finde ich hierbei sehr gut gelungen, macht sie doch deutlich, dass die Fragen nach der Art und Weise der Beziehungen zwischen allen Spielern (Mitarbeiter und Führungskräfte) und der Organisation sowie dem richtigen Ausmaß an Einbringung in die Organisation nicht so einfach zu beantworten sind. So gilt es diese Beziehungen aus unterschiedlichsten Perspektiven zu betrachten. Die Autorinnen beschreiben die unterschiedlichen Anteile von Mensch und Organisation an den Beziehungen und beleuchten, wie Führungskräfte in diesem Zusammenhang wirken. Dabei wird deutlich, dass es sich bei der Ausgestaltung der Beziehung immer um ein unlösbares auszubalancierendes Spannungsverhältnis zwischen Menschenorientierung und Organisationsorientierung handelt.

Kapitel 5 liefert dann ein “Schieberegler”-Modell, das es ermöglicht, kontextbezogen den Standort zwischen menschenzentrierter und funktionszentrierter Organisation zu bestimmen. Auf der Mitte zwischen den beiden Polen greifen die Autorinnen dann die Resonanztheorie des Soziologen Hartmut Rosa auf und stellen sich die Frage, ob die Organisation als Resonanzraum dienen kann, um “Resonanz” in der Beziehung zwischen Mensch und Organisation zu erzeugen.

Das Kapitel 6 “Die resonanzfähige Organisation” stellt dann die aus Sicht der Autorinnen relevanten Einflussfaktoren dar, die die Organisationsseite zu einem Resonanzraum werden lassen und so die Wahrscheinlichkeit erhöhen, Resonanz zwischen Menschen und Organisation entstehen zu lassen. Dabei werden einige bekannte Tools und Ansätze der aktuellen New-Work und Agile Diskussion aufgegriffen und vor dem Hintergrund der von den Autorinnen eröffneten Resonanzperspektive beschrieben. Vieles hier ist nicht neu und in der systemischen oder agilen Community schon einmal dagewesen. Dennoch empfand ich das Kapitel in seiner Art und Weise und seiner Aufbereitung mit konkreten Tools and Vorgehensweisen als äußerst hilfreich und inspirierend.

Kapitel 7 beschäftigt sich als Gegenpol mit den Hebeln für einen resonanzfähigen Menschen; wir bewegen uns also auf die andere Seite der Beziehung. Die Entwicklung der individuellen Persönlichkeit kann eine wichtige Determinante für eine gelungene Beziehungsgestaltung zwischen Mensch und Organisation sein. Auch hier werden wieder nützliche Modelle und Gedanken vorgestellt die sehr praktisch helfen können die Beziehungsgestaltung seitens der Menschen zu verbessern. Acht unterschiedliche Felder stellen die Autorinnen vor, angefangen von der Kompetenz der Selbst-Differenzierung von Bushe, über die Themen Zuhören oder dem Erreichbar bleiben bis hin zur Lösungsbegabung oder dem persönlichen Purpose. Immer wieder werden in diesem Kontext zu jedem Thema Untersuchungen herangezogen, um fundierte Aussagen treffen zu können und andere Autoren und Quellen zitiert, um Querverbindungen herzustellen. Nicht nur deswegen und wegen der sehr praktischen Hinweise ist auch dieses Kapitel lesenswert.

Während das vorhergehende Kapitel das Thema Resonanzbildung von Mensch zu Mensch näher beleuchtet hat, gehts im Kapitel 8 dann um die Frage, was Führungskräfte in Bezug auf die Resonanzbildung Mensch zu Organisation tun können. Wieder mit dem Schiebereglermodell gehts hier um Ansatzpunkte, den Regler Mensch oder den Regler Organisation zu balancieren. Auch hier stehen wieder praktische Tools bereit, um einen Schritt voran zu machen. Alle Tools sind übrigens mit einem kleinen Piktogramm gekennzeichnet, um sie schneller aufzufinden.

Kapitel 9 beschäftigt sich schließlich mit der Wirkung von Resonanz bei Veränderungsprozessen. Auch diesem Kapitel liegen wieder einfache, fundierte Modelle und praktisch anwendbare Konzepte zugrunde. Das Schieberegler-Modell hilft auch hier Handlungsunterstützung für Führungskräfte in unterschiedlichen Phasen der Changedynamik abzuleiten. Die Autorinnen liefern Ideen, wo eher der Mensch, wo eher die Organisation in den Fokus genommen werden sollte und mit dem sogenannten 4-Räumenmodell ein plastisches Bild, das Führungskräften Orientierung gegeben kann mit Organisation und Menschen während Veränderungsprozessen in Resonanz zu bleiben.

Das vorletzte Kapitel 10 will einen Umsetzungsleitfaden liefern. Dieser wird sehr konkret in einem Phasenmodell mit konkretem Handlungs-/ Workshop-Design der einzelnen Schritte dargestellt. Hierbei wird auf die Modelle und Ideen der vorherigen Kapitel zurückgegriffen und verwiesen. Erfahrene Berater können diese Handlungsanweisung meines Erachtens ebensogut nutzen, wie erfahrene Führungskräfte.

Das abschließende kurze Kapitel 11 liefert einen Ausblick mit dem Titel “Transformation: Heute und in Zukunft”. Es startet mit dem Purpose der Beratergruppe Neuwaldegg und startet den Aufruf, sich auf den Weg in Richtung neuer Organisation zu machen. 

Fazit: Das Buch richtet sich meines Erachtens an eine breite Leserschaft aus BeraterInnen (nicht nur den systematischen), Führungskräften und HR/ Transformation-Experten in Organisationen, die einen modernen Blick auf Organisation, Führung und Transformation vorrangig durch die Brille von Hartmut Rosa’s Resonanztheorie werfen wollen. Es geht weit über die ursprünglich gestellte Frage hinaus, inwieweit Ganzheitlichkeit Maß und Erwartung an Menschen als Mitarbeiter der Zukunft in Organisationen sein kann. Die Autorinnen schreiben gut lesbar, machen neugierig und verarbeiten Intelligent bereits bestehende Tools und Ansätze der Beratergruppe Neuwaldegg und anderer Experten aus der New Work und Agile Szene. Sie heben diese teils in einen generelleren Organisationskontext, teils in einen spezielleren Resonanzkontext. Dies macht das Buch auch für erfahrene Systemiker lesenswert und schließt gut an die Neuwaldegger Tradition an. Es ist bei hoher Theoriefundierung äußerst praxisnah und durch die vielen Tooleinschübe und konkreten Handlungsempfehlungen ebenso umsetzungsorientiert. Das Buch ist sehr kompakt in seinen reichhaltigen Inhalten und wies für mich keinerlei unnötige Längen auf. Glückwunsch zum gelungenen Buch, das sich zwar mit dem Thema “New Work” und “Agilität” auseinandersetzt, dies aber nicht benennen muss, da seine Aussagen in ihrer Generalität auch noch über die Zeit hinaus nutzbar sein werden. Es gehört sicherlich zu meinen bisherigen Highlights dieses Sommers.

Jantscher, A./ Lauchart-Schmidl, N. (2021). Being in Organizations. Stuttgart: Schäffer-Poeschel Verlag.

Anmerkung zur Transparenz: Das Buch wurde dem Autor dieses Artikels vom Verlag kostenlos zur Rezension zur Verfügung gestellt. Die Meinung des Autors ist hiervon jedoch nicht beeinflusst.