Die Autoren und das Buch
Transformationen scheitern häufig. Diese Beobachtung steht am Anfang des Bandes, und die Herausgeber unterlegen sie mit Zahlen, die man in dieser Dichte selten beisammen findet: Schon Kotter hielt 1995 fest, dass rund 70 % von 100 untersuchten Transformationsprojekten scheiterten. Die aktuelle Kearney Transformation Study 2025 berichtet, dass 83 % der befragten Verantwortlichen erlebt haben, wie mindestens jede zweite Transformation ihre Ziele verfehlte. Oxford Economics und SAP kommen auf lediglich 51 % planmäßig verlaufende Vorhaben, von denen nur 57 % den Aufwand rechtfertigen. Aus dieser Ausgangsdiagnose leiten Klaus-Michael Ahrend und Hanjo Arms den Anspruch des Buches ab: eine handlungsorientierte Landkarte der Corporate Transformation für Praktiker aus Geschäftsführung und Aufsichtsgremien, ergänzt um übertragbare Beispiele aus der Unternehmensrealität. Das Buch ist kürzlich bei Schäffer-Poeschel erschienen und umfasst gute 450 Seiten.
Die Herausgeber sind Klaus-Michael Ahrend und Hanno Arms: Prof. Dr. Klaus-Michael Ahrend ist Vorstand der HEAG Holding AG in Darmstadt, Geschäftsführer des Gründerzentrums HUB31 und Honorarprofessor an der Hochschule Darmstadt. Mit Stationen als Accenture-Strategieberater, Promotion in Trier und Studium u.a. in St. Gallen verbindet er Beratungs-, Konzern- und Wissenschaftsperspektive und steht damit für den Brückenschlag des Bandes zwischen Theorie und Praxis. Hanjo Arms ist Partner und Managing Director bei Kearney in Berlin und seit über 25 Jahren Managementberater mit Fokus auf Unternehmensstrategie, Corporate Finance und M&A. Seine strategisch-transaktionsorientierte Sicht prägt insbesondere den Grundlagenteil des Bandes.
Das Herausgeberwerk umfasst rund 28 Beiträge und hat eine klare Dreiteilung. Schauen wir uns das genauer an.
Die Inhalte
Einleitung (Ahrend/Arms)
Die Herausgeber begründen den Band mit den hohen Misserfolgsquoten von Transformationen und ordnen die einzelnen Beiträge in den Gesamtaufbau ein. Sie skizzieren die Dreiteilung in Grundlagen, Methoden und Praxisbeispiele und benennen die Zielgruppe: Praktiker aus Geschäftsführung und Aufsichtsgremien. Ein in der Einleitung angekündigter Beitrag von Alexander Lahmann zu Fusionen, Übernahmen und Kooperationen ist im Buch selbst nicht enthalten. M&A wird daher nur mittelbar in Ahrends Einführung und im Private-Equity-Beitrag behandelt.
Drei Grußworte (Hanselka, Sinemus, Schweickert)
Fraunhofer-Präsident Holger Hanselka, die hessische Digitalisierungsministerin Kristina Sinemus und der Familienunternehmer Carl Christoph Schweickert stimmen aus drei Blickwinkeln auf das Thema ein: Wissenschaft, Politik und familienunternehmerische Praxis. Alle drei heben den Faktor Mensch und die Unternehmenskultur als Voraussetzung gelingenden Wandels hervor.
Kapitel 1: Corporate Transformation erfolgreich gestalten − eine Einführung (Klaus-Michael Ahrend)
Ahrend legt das begriffliche Fundament des Bandes: Er definiert Corporate Transformation im engeren und weiteren Sinne und systematisiert acht Auslöser und Inhalte, von Strategie- und Geschäftsmodellwechseln über Eigentümer-, Konzern- und Organisationsstruktur bis zu Digitalisierung und nachhaltiger Entwicklung. Als Arbeitsinstrument führt er die Corporate Transformation Canvas in Anlehnung an Osterwalder und Pigneur ein und vergleicht die Vorgehensmodelle von Lewin, Gouillart/Kelly, Kotter und BCG. Ergänzend behandelt er Erfolgsfaktoren, Transformationsmanagement mit Vision, Plan und Kommunikation sowie weitere Werkzeuge.
Kapitel 2: The New German Speed (Hilmar Klink, Marc Lakner)
Klink (IW Consult) und Lakner (Kearney) verdichten zwei Kearney-Studien (Fokus:Future 2024 mit 513 Unternehmen, Transformationsstudie 2025 mit 318 Entscheidern) zum Leitbegriff “New German Speed”. Sie unterscheiden zwei Transformationstypen: “Sprinter” mit hohem Transformationsgrad bei kurzer Umsetzungszeit und “Lerntransformierer” mit hoher Absorptions- und Lernfähigkeit, wobei erst das Zusammenspiel von Tempo und Lernfähigkeit nachhaltigen Erfolg erklärt. Aus den Daten leiten sie drei Hebel ab (Profitabilität maximieren, Innovationsrate erhöhen, Time-to-Market senken) und ergänzen Empfehlungen an den Standort Deutschland, von Investitionsanreizen über schnellere Genehmigungen bis zu engerer Kooperation entlang der Wertschöpfungsketten.
Teil 1: Inhalte und Methoden der Corporate Transformation
Der Methodenteil versammelt zwölf Beiträge aus Beratung, Wissenschaft und Praxis zu den Inhalten und Instrumenten der Transformation.
1. Transformation durch strategische Neuausrichtung (Hanjo Arms, Konstantinos Vergos, Kearney)
Die Autoren entfalten eine Transformation-Journey in drei Schritten (Strategieentwicklung, Strategieübersetzung, Transformationsumsetzung) und ordnen ihr das Kearney Fit Transformation Framework zu. Sie behandeln Auslöser und Katalysatoren strategischer Neuausrichtungen und legen dabei besonderes Gewicht auf Portfolioentscheidungen, Reallokation von Kapital und Talenten sowie das Target Operating Model. Als Referenzfälle dienen Ørsted, Microsoft unter Nadella (Cloud-Umsatzanteil von 5 % 2014 auf über 40 % 2024) und Adobes Umstellung auf ein Abomodell.
2. Geopolitik und Transformation (Kai Andrejewski, Agora Strategy)
Andrejewski analysiert Transformation entlang der Trias von Regeln, Werten und Macht und diagnostiziert das Ende der regelbasierten internationalen Ordnung. Er unterscheidet vier strukturelle Veränderungsfelder (Geopolitics, Economics, ESG, Technology) und illustriert sie mit konkreten Zahlen, etwa zur französischen Staatsverschuldung oder zur Rolle dollargebundener Stablecoins als Halter von US-Staatsanleihen. Daraus leitet er Transformationsanforderungen für Unternehmen ab, die ihre Strategie unter geopolitischer Unsicherheit neu justieren müssen.
3. Transformation durch Geschäftsmodell- und Organisationsentwicklung (Michael Graf, Gori von Hirschhausen, Ralph Kästel, PwC)
Das PwC-Team stellt den Enterprise Transformation Tower als Navigationsinstrument mit 14 Dimensionen vor und argumentiert, dass Geschäftsmodell- und Organisationsentwicklung nur gemeinsam gelingen. Drei Transformations-Archetypen und ein Fünf-Phasen-Modell strukturieren das Vorgehen. Als operativer Hebel dient ein Performance-Dialog nach dem Prinzip Stop, Continue, Adjust. Untermauert wird dies mit Daten aus dem PwC CEO Survey 2026, etwa dass 52 % der deutschen CEOs binnen fünf Jahren in neuen Sektoren zu konkurrieren begannen.
4. Transformation durch Nachfolge (Steffen Huber, Binz & Partner)
Huber unterscheidet vier Arten der Unternehmensnachfolge und beschreibt den Generationswechsel als Auslöser tiefgreifender Veränderung: Digitalisierung, neue Geschäftsmodelle, flachere Strukturen und ein partizipativerer Führungsstil. Empirisch stützt er sich auf eine KfW-Auswertung von 2025, nach der bei ungeklärter Nachfolge das Investitionsvolumen um 32 % sinkt, bei geregelter Nachfolge dagegen deutlich steigt. Der Fokus liegt auf dem deutschen Mittelstand und den Gründen, warum Nachfolge und Transformation zusammen gedacht werden sollten.
5. Transformation durch Beteiligung von Finanzinvestoren (Tom Alzin, DBAG)
Alzin beschreibt Private Equity als Transformationspartner des Mittelstands und grenzt dieses Verständnis vom Klischee des reinen Financial Engineering ab. Der Beitrag stützt sich dabei auf drei detailliert belegte DBAG-Fälle: BTV Multimedia (Wandel vom HFC- zum FTTx-Anbieter über fünf Add-on-Akquisitionen, Umsatz von 29,7 auf 103,5 Mio. Euro), Formel D (128 auf 255 Mio. Euro, Verkauf an 3i) und Solvares (SaaS-Buy-and-Build). Daraus destilliert er, welche Rolle ein Finanzinvestor bei Strategie, Professionalisierung und Internationalisierung übernehmen kann.
6. Turnaround-Management als strategische Führungsaufgabe (Heike Hofmann, Teresa Schawe, Kearney)
Die Autorinnen rahmen Turnaround nicht als reines Kriseninstrument, sondern als dauerhafte Führungskompetenz, und begründen das mit steigenden Insolvenzzahlen und kürzeren Marktzyklen. Sie grenzen Turnaround-Management begrifflich von Sanierung und Restrukturierung ab und stellen ein Drei-Phasen-Modell vor: Analyse und Konzept, Umsetzung mit 100-Tage-Plan und Liquiditätsmanagement sowie Stabilisierung. Das Krisenphasenmodell nach IDW S 6 und die Leitfragen nach Sanierungsfähigkeit und Sanierungswürdigkeit geben den methodischen Rahmen.
7. Transformation durch nachhaltige Entwicklung (Yvonne Zwick, BAUM e.V.)
Zwick entwickelt ein mehrdimensionales Profitverständnis, das sie mit dem bewusst provokanten Satz “Ich bin profitgierig” eröffnet, verstanden als Antrieb einer “Gutes-Leben-für-alle”-Spirale. Sie verbindet Empathie als Managementkompetenz mit dem SDG-Kompass und den Anforderungen der CSRD. Konkretisiert wird das an Unternehmensbeispielen wie VAUDE, Rent.Group und Otto Group, die Nachhaltigkeit als Kern ihres Geschäftsmodells verankert haben.
8. Digitale Transformation durch Künstliche Intelligenz (Annette Miller, AKAD University)
Miller behandelt KI als Querschnittstechnologie und strategischen Transformationsfaktor auf drei Wertschöpfungsebenen. Sie skizziert einen fünfphasigen KI-Strategieprozess, beschreibt die Rolle des Chief AI Officer und ordnet die regulatorischen Anforderungen des EU AI Act ein. Ihre Kernthese: Die strategische Steuerung von KI ist keine technische, sondern eine Führungsaufgabe.
9. Agilität als Beschleuniger der Unternehmens- und IT-Transformation (Diego Calvo de Nó, Proventa AG)
Der Beitrag verbindet einen Literaturüberblick zu agilen und skalierten Methoden mit vier anonymisierten Fallstudien aus Telekommunikation und Energiewirtschaft. Aus den Fällen leitet der Autor fünf Erfolgsfaktoren ab, darunter das nicht verhandelbare Management-Engagement, und beschreibt konkrete Anpassungen wie den Wandel von Ganztags- zu kompakten virtuellen PI-Plannings. Ein Ausblick behandelt die KI-Integration als nächste Evolutionsstufe agiler Methoden.
10. Change-Management interdisziplinär zwischen Betriebswirtschaft und Sozialwissenschaft (Jörg von Garrel, Eva-Maria Walker, Hochschule Darmstadt)
Die beiden Forschenden stellen dem effizienzorientierten ein arbeitsorientiertes Partizipationsparadigma gegenüber und verbinden damit betriebswirtschaftliche und sozialwissenschaftliche Perspektiven auf Veränderungsprozesse. Empirische Grundlage ist eine eigene quantitative Befragung von 181 Beschäftigten aus dem produzierenden Gewerbe. Zentraler Befund: Beschäftigte ohne Führungsverantwortung bewerten die sozialen Risiken der KI deutlich höher als das Management. Die Autoren weisen ausdrücklich darauf hin, dass die Auswertung deskriptiv-explorativ bleibt und keine statistisch signifikanten Effekte zeigt.
11. Steuerung der Corporate Transformation durch Interim Management (Georg Larch, XQI Interim)
Larch ordnet Interim Management in den Kontext von Transformation als Dauerzustand ein und unterscheidet die Rollen von Chief Restructuring Officer und Chief Transformation Officer. Er formuliert Erfolgsfaktoren für die Besetzung von Interim-Mandaten und benennt typische Fehler im Auswahlprozess. Der Text ist als persönlicher Praktiker-Essay mit Metaphern und Anekdoten aus konkreten Mandaten geschrieben.
12. Über Kulturwandel in Unternehmen (Jan Teunen, Teunen Konzepte)
Teunen legt eine kulturphilosophische Betrachtung vor, gegliedert in “Erinnerungen an” Universum, Natur, Mensch, Haus, antike Ökonomie und Renaissance. Sein Argument: Menschen sind vierdimensionale Wesen mit Körper, Ich, Geist und Seele, die im Unternehmen alle vier Dimensionen adressiert sehen wollen. Daraus leitet er ein Plädoyer für Schönheit, Kunst und kulturelles Gedächtnis in Arbeitsräumen ab, mit dem Unternehmen Kulturwandel als langfristige Aufgabe verstehen sollen.
Teil 2: Transformationsbeispiele aus der Unternehmenspraxis
Im Praxisteil berichten Vorstände, Verwaltungsleiter und Beratende aus zehn konkreten Organisationen und Branchen.
1. Führungsstärke für die Transformation in der Automobilindustrie (Aliye Kurt-Südhoff, Sourisseaux Partners)
Der Beitrag argumentiert managementdiagnostisch: Ein auf Gesprächen mit über 10.000 Führungskräften beruhendes Modell mit sieben Kompetenzen und sechs Potenzialindikatoren wird auf die Transformationslage der Automobilindustrie angewandt. Bei rund 70 % der beurteilten Führungskräfte eines Zulieferers war die Zielbildkompetenz kaum ausgeprägt. Daraus leitet die Autorin ab, dass Nachfolgeplanung und Führungskräfteentwicklung zentrale Transformationshebel der Branche sind.
2. Why, what and how − Die Transformation von ZEISS (Susan-Stefanie Breitkopf)
Die frühere ZEISS-Vorständin und Chief Transformation Officer schildert die Transformation zum daten- und prozessorientierten Unternehmen aus einer Position der Stärke, ausdrücklich ohne “burning platform”. Sie beschreibt Zielbild und Großinitiativen (S/4HANA, Workday, NGCRM, Shaping Data Excellence), die Einrichtung einer eigenen CTO-Area und das Transformation Management Office als “Herzkammer” des Programms. Methodisch arbeitet ZEISS mit “Immunity to Change” und dem Cynefin-Framework, begleitet durch Egon Zehnder; den Rahmen bilden Kennzahlen wie über 46.000 Beschäftigte und rund 12 Mrd. Euro Umsatz.
3. Transformation der Energiewirtschaft am Beispiel Thüga (Constantin H. Alsheimer)
Alsheimer beschreibt die Transformation des größten kommunalen Stadtwerke-Verbunds entlang von vier Stoßrichtungen: End-to-End-Lösungen (thüga solutions, Syneco), Digitalisierung des Vertriebs über eine Abrechnungsplattform mit über 14 Mio. Zählpunkten von 60 Unternehmen, “Smartifizierung” der Netze und Aufbau von Shared Services. Die geschätzten Investitionen von 70 bis 90 Mrd. Euro bis 2045 markieren die Dimension der Aufgabe. Die Holding agiert dabei als Übersetzer zwischen kommunaler Logik und Kapitalmarktanforderungen.
4. Corporate Transformation durch Innovation im Banking (Benjamin Bürkner, Helaba)
Bürkner beschreibt die “Burning Platform” der Universalbank: Altsysteme binden laut McKinsey bis zu 70 % der IT-Budgets im reinen Betrieb. Als Antwort stellt er Instrumente wie Corporate Venture Capital, Venture Clienting, Open Banking und Innovation Labs vor, eingebettet in das Prinzip organisationaler Ambidextrie. An ING und DBS zeigt er, wie die Time-to-Market um über 40 % sinken kann, und verweist auf die eigene Einheit Helaba Digital.
5. Transformation der Versicherungswirtschaft (Markus Rosenbaum, HUB acht)
Rosenbaum strukturiert die Branche über Transformationssubjekte (die Kunden als unabhängige Variable), Transformationsobjekte und Transformationstreiber, die er entlang eines PESTEL-Rasters analysiert. Er beschreibt die Versicherungswirtschaft als eine der am dichtesten regulierten Branchen und arbeitet heraus, dass Transformation weniger an einzelnen Stellhebeln scheitert als an mangelnder Kohärenz zwischen den Gestaltungsparametern.
6. Transformation in der Gesundheitswirtschaft durch Innovation (Andreas Beivers, Hochschule Fresenius)
Beivers analysiert die Umbrüche des deutschen Gesundheitswesens: die Krankenhausreform mit Absenkung der Fallpauschalen auf 40 % zugunsten von 60 % Vorhaltevergütung und 61 Leistungsgruppen, die Ambulantisierung nach dem Motto “digital vor ambulant vor stationär” sowie demografische Projektionen und den 50-Mrd.-Euro-Transformationsfonds. Den Abschluss bildet ein Ausblick auf den Wirtschaftsnobelpreis 2025 an Mokyr, Aghion und Howitt und die Übertragung der Idee schöpferischer Zerstörung auf das Gesundheitswesen.
7. Das Transformationsprogramm HRneo bei Fraport (Julia Kranenberg, Ivonne-Kerstin Schlesinger)
Die beiden Autorinnen zeigen, wie ein HR-Programm zum zentralen Hebel der Konzernstrategie Fraport.2030 wird. Der Analysephase liegen ein Benchmarking mit 77 Unternehmen, die Auswertung von über 1.400 Bewertungen und fast 50 Interviews zugrunde; das Programm gliedert sich in fünf Teilprojekte von Führung und Kultur bis zur Neuaufstellung als “OneHR”. Als messbaren Zwischenerfolg berichten sie die Teilnahmequote am Konzernbarometer, die 2025 von 47 % auf 76 % stieg.
8. Transformation einer Bundesbeteiligung am Beispiel der Bundesdruckerei (Stefan Ramge)
Ramge erzählt die Eigentümergeschichte der Bundesdruckerei von 1763 über zwei Verstaatlichungen und die gescheiterte Apax-Privatisierung um 2000 bis zur Rückkehr in Bundeshand 2009 und zur Wachstumsstrategie unter Dr. Hofschen. Der Jahresüberschuss stieg von knapp 5 Mio. Euro (2018) auf über 170 Mio. Euro (2024). Seine Ordnungsthese: Private Eigentümer sind nicht automatisch die besseren Eigentümer, der Bund kann heute Ermöglicher statt Bürde sein.
9. Transformation der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau (Lars Fuchs-Esterhaus)
Der Kirchenverwaltungsleiter setzt sich zunächst kritisch mit dem schillernden Transformationsbegriff auseinander und legt dann die Ausgangslage offen: Mitgliederrückgang, verdoppelte Austrittszahlen, sinkende Bindung. Der Reformprozess EKHN 2030 bündelt über 1.000 Kirchengemeinden zu 150 Nachbarschaftsräumen und senkt die Verwaltungskosten um 30 %. Eingeordnet wird das mit Verweisen auf Nassehi und Poppers “bescheidene Weltverbesserer”.
10. Transformation von kleinen und mittleren Unternehmen (Christophe Said, Giuseppe Strina, Matthias Vogel, Katharina Fiebig)
Das Team der Universität Siegen diagnostiziert für KMU keine Forschungs-, sondern eine Transferlücke: Es fehlt nicht an Wissen, sondern an dessen Übersetzung in die mittelständische Praxis. Als Antwort stellen sie ein dreischrittiges Workshopkonzept vor: Ist-Analyse über das “Magische Dreieck”, Erweiterung des Leistungsangebots um Smart Services, Komplettierung über den Business Model Canvas. Der Fokus liegt auf datenbasierten Dienstleistungen und Delta-Sichten zwischen Ist- und Zielzustand.
Teil 3: Ausblick – CEO-Skills
It starts with the CEO (Thorsten Gerhard, Egon Zehnder)
Gerhard schließt den Band mit einem Ausblick auf die veränderte CEO-Rolle. Er beschreibt die Ablösung des “Thomas-Kreislaufs” durch transformationsfähige Führung und das Modell der “Dual Journey”, nach der der CEO zugleich die Organisation und sich selbst transformiert. Drei transformative Skills (Selbst-Reflexion, Beziehungsorientierung, Anpassungsfähigkeit) und vier Potenzialindikatoren werden mit Zahlen aus Egon-Zehnder-Studien unterlegt, etwa dass 76 % der CEOs systemische Umbrüche erwarten. Ergänzend entwirft er das Leitbild des “Standing” und ordnet die CEO-Aufgabe in die Großthemen Geopolitik, Klimawandel, Demokratie und KI ein.
Das Fazit
Alles in allem handelt es sich um einen umfangreichen, breit angelegten und gut geordneten Herausgeberband, dessen Stärke in der Verbindung von begrifflichem Gerüst, empirischem Referenzpunkt und substanziellen Praxisfällen liegt. Besonders die Beiträge zu ZEISS, Bundesdruckerei, Fraport und den DBAG-Fällen arbeiten mit echten Namen, Kennzahlen und auch Umwegen, und mehrere Fachbeiträge überzeugen durch empirische Ehrlichkeit. Die für Sammelbände typische Heterogenität in Tiefe, Ton und Evidenzbindung nimmt man dabei in Kauf. An einigen Stellen hätte ich mir ein strengeres Herausgeberlektorat gewünscht, etwa beim Werbecharakter mancher Beratungskapitel. Wer den Band jedoch als modulares Panorama und Nachschlagewerk nutzt, statt eine durchkomponierte Monografie zu erwarten, wird reich belohnt. Und so sei das Buch Vorständen, Aufsichtsräten, Transformations- und Interim-Managern sowie BeraterInnen empfohlen, die eine systematische Landkarte der Transformationsanlässe suchen und diese an konkreten Häusern gespiegelt sehen wollen. Ich jedenfalls habe die Fundstücke des Bandes mit Gewinn gelesen.
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Transparenzhinweis: Das Buch wurde mir vom Verlag kostenfrei zur Verfügung gestellt. Meine Meinung bleibt davon unberührt.
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