Unsere Kompetenzmodelle kennen eine stille Rangordnung. Tiefe zählt, Breite ist Beiwerk. Wer in einem Feld tief steckt, wird zum Experten, zum Senior, zum Architekten befördert. Wer sich in mehreren Feldern bewegt, gilt schnell als jemand, der sich nicht entschieden hat. Martin Fowler und seine Ko-Autoren stellen diese Rangordnung in einem Artikel vom Juli 2025 auf den Kopf. Ihr Satz dazu lautet: „Being such a generalist is itself a sophisticated expertise.“ Generalist zu sein ist selbst eine anspruchsvolle Expertise. Das ist keine Ehrenrettung für Unentschlossene, sondern eine Behauptung über Können, und sie hat Folgen für jedes Beförderungsraster, das ich kenne. Als Berater und Generalist haderte ich die letzten 30 Jahre hin und wieder einmal, gerade als junger Berater, an diesem Punkt. Der Artikel hat mir geholfen, es etwas besser einzuordnen.
Breite heißt nicht, von allem ein bisschen zu wissen
Der Kern des Arguments ist eine Unterscheidung, die in der Praxis meist verschwimmt: die zwischen Werkzeugwissen und Grundlagenwissen. Werkzeugwissen ist die Beherrschung eines konkreten Produkts, einer Plattform, einer Methode in ihrer aktuellen Version. Es ist gut prüfbar, gut zertifizierbar und veraltet zuverlässig. Grundlagenwissen betrifft die Prinzipien, die unter den Werkzeugen liegen, und es hält deutlich länger. Fowlers Expert Generalist investiert in das Zweite und lernt das Erste bei Bedarf dazu. Er kann in einem fremden System die Ursache einer Störung finden, weil er das zugrunde liegende Prinzip verstanden hat, während Zertifizierte an derselben Stelle scheitern. Zwischen Zertifikat und Kompetenz, so die Autoren, besteht ohnehin wenig Zusammenhang.
Dazu gehört eine Selbstbeschränkung, die mir gefällt: Ein kluger Expert Generalist wisse, dass er über die meisten Dinge, denen er begegnet, nie wirklich etwas lernen wird. Breite ist hier also nicht der Anspruch, alles zu können. Sie besteht darin, ein unbekanntes Problem schnell einzuordnen, das Neue daran zu erkennen und zu wissen, wen man dazuholen muss. Das ist Urteilsvermögen. In keinem Skill-Katalog, den ich in Unternehmen sehe, hat es ein eigenes Feld.
Wie schwer sich diese Fähigkeit fassen lässt, zeigt sich schon an den Bildern. Das bekannte „T-shaped“ (breites Fundament, eine Spezialisierung) halten die Autoren für zu eng, weil solche Leute meist mehrere tiefe Beine ausbilden. Die Ersatzbilder verwerfen sie gleich mit: Der Kamm unterstellt lauter gleich tiefe Zacken, das Pi eine willkürliche Zwei. Am Ende bleibt kein sauberes Modell übrig, und sie geben das offen zu. Aus solchen Bildern bauen Personalabteilungen ihre Raster. Wo das Bild fehlt, fehlt am Ende die Kategorie.
Der Wert steigt gerade, die Messung folgt nicht
Genau in diesem Moment verschiebt KI den Fokus. Was Sprachmodelle heute erschwinglich mitliefern, ist Werkzeugwissen: Syntax, Konfiguration, Standardvorgehen, der schnelle Einstieg in ein fremdes Feld. Was sie nicht mitliefern, ist die Einschätzung, ob eine plausibel klingende Lösung zum konkreten Kontext passt. Fowler und seine Ko-Autoren beobachten deshalb, dass die Fähigkeiten des Expert Generalist mit KI-Werkzeugen erheblich wertvoller werden: Wer die Grundlagen beherrscht, stellt die besseren Fragen und erkennt, wann die Antwort daneben liegt.
Damit entsteht eine Schere. Der Marktwert von Urteilsvermögen steigt, während unsere Instrumente weiter Werkzeuge zählen. Stellenausschreibungen listen Produkte. Zertifikate prüfen Versionen. Und die Laufbahnen führen senkrecht nach oben durch das eigene Fach, vom Fachreferenten über den Senior zum Architekten. Die unausgesprochene Botschaft daran ist deutlich: Wer die Spur wechselt, verliert Tempo. Damit erzeugt die Organisation die Enge, die sie später als Silo beklagt. Zugleich wäre es zu einfach, daraus einen Freibrief für Beliebigkeit zu machen. Ohne mindestens ein Feld, in dem jemand wirklich tief war, bleibt Breite tatsächlich das, wonach sie im Lebenslauf oft aussieht. Erst die Erfahrung echter Tiefe schult das Urteil, das dann in der Breite trägt.
Implikation
Wer den Gedanken ernst nimmt, muss Breite als eigene, bewertbare Fähigkeit führen: mit eigenen Kriterien, eigenen Entwicklungsangeboten und einem Aufstiegspfad, der nicht durch eine Fachsäule verläuft. Solange das nicht geschieht, belohnen Organisationen weiter genau die Kompetenz, die gerade billig wird, und wundern sich, dass niemand mehr zwischen den Silos vermitteln kann.
Die Bestandsaufnahme, die ich daraus mitnehme, ist unbequem: Welche Rolle in Ihrem Haus wird heute deshalb gut bezahlt, weil sie ein Werkzeug beherrscht, das in zwei Jahren zur Massenware geworden sein könnte? Wer diese Liste durchgeht, stößt fast zwangsläufig auch auf die Leute, deren Urteil dann gebraucht wird und für die es bislang keine Spalte gibt.
Quelle: Fowler, M., Joshi, U., Venkatraman, G., „Expert Generalists“, martinfowler.com, 2. Juli 2025. https://martinfowler.com/articles/expert-generalist.html
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