Die Herausgeber und das Buch

Hochschulentwicklung der Zukunft - Rezension - Dr. Oliver Mack - xm-instituteHeute geht es um ein Thema, das mir als Gastdozent und Vertreter in mehreren Reformkommissionen zu MBA Programmen besonders am Herzen liegt. “Hochschulentwicklung der Zukunft” ist ein Herausgeberband mit 21 Beiträgen, der die aktuellen Baustellen der akademischen Bildung im deutschsprachigen Raum untersucht. Diese spiegeln sich im Untertitel: “Lehre, Prüfungen und Qualitätsmanagement”, des bei Schäffer-Poeschel  kürzlich erschienenen Werks, das knapp 350 Seiten umfasst. Ullrich Dittler und Christian Kreidl, die schon 2018 mit “Hochschule der Zukunft” einen viel beachteten Vorgängerband vorgelegt hatten, knüpfen hier ausdrücklich an dieses Projekt an. Der Band versteht sich als Fortschreibung unter veränderten Vorzeichen, denn seit 2018 hat sich die Geschwindigkeit des Wandels erheblich verschärft.

Prof. Dr. Ullrich Dittler hat seit 2000 die Professur Interaktive Medien an der Fakultät Business, Design & Media der Hochschule Furtwangen inne, wo er unter anderem Medienpsychologie, Wahrnehmungspsychologie sowie E-Learning und Online-Learning lehrt. Er studierte Pädagogik, Psychologie und Soziologie in Frankfurt und München. Dittler war von 2008 bis 2019 Mitglied des Lenkungsausschusses für Hochschuldidaktik des Landes Baden-Württemberg und ist seit 2022 Leiter des Zentrums für Lehren und Lernen (ZLL) der Hochschule Furtwangen. Er ist Autor und Herausgeber zahlreicher Bücher zu E-Learning und Hochschuldidaktik. Hon.-Prof. Dr. Christian Kreidl ist selbstständiger Trainer in der Erwachsenenbildung, Vortragender an zahlreichen österreichischen Hochschulen und zertifizierter KI-Manager. Er unterrichtet unter anderem an der Wirtschaftsuniversität Wien, der FH Technikum Wien und der FHWien der WKW. Der Wirtschaftspädagoge, der zum Thema E-Learning promoviert wurde, hat inhaltliche Schwerpunkte in finanziellem Management, betrieblichem Rechnungswesen und Corporate Finance und beschäftigt sich intensiv mit didaktischen Konzepten und der Methode Planspiel. Gemeinsam mit Dittler hat er bereits mehrere Sammelbände zu Hochschullehre und E-Learning herausgegeben, darunter den Vorgängerband “Hochschule der Zukunft” (2018) und “Künstliche Intelligenz in der Hochschullehre” (2024).

Den analytischen Kern dieses Sammelbandes bildet die These eines doppelten Transformationsdrucks: Zum einen wirken die Erfahrungen der Corona-Pandemie nach: improvisierte Online- und Hybridformate sind vielerorts zu dauerhaften Blended-Arrangements geworden, und damit stellen sich Fragen nach Studierbarkeit, Interaktion und Prüfungsgerechtigkeit neu. Zum anderen hat der Sprung generativer KI-Systeme wie ChatGPT, Copilot und Gemini seit 2022 den Kern wissenschaftlicher Praxis erreicht, also das Schreiben, Argumentieren und Prüfen. Die Herausgeber argumentieren, dass beide Bewegungen zusammenfallen und Hochschulen dadurch gleichzeitig aufräumen und neu bauen müssen.

Dittler und Kreidl ordnen die Beiträge drei Themenbereichen zu, die sie in der Einleitung entfalten: zeitgemäßes Lehren, Lernen und Prüfen im KI-Zeitalter; Curriculumentwicklung, Future Skills und partizipative Formate; sowie die didaktische Kompetenzentwicklung der Lehrenden und die Rolle der Hochschuldidaktik. Das Buch ist damit kein Lehrbuch mit durchgängiger Argumentation, sondern ein Panorama aus empirischen Studien, konzeptionellen Beiträgen und Erfahrungsberichten von Autorinnen und Autoren aus Deutschland, Österreich und der Schweiz. Steigen wir tiefer in die einzelnen Kapitel ein.

Die Inhalte

1 Einleitung (Ullrich Dittler & Christian Kreidl)
Die Herausgeber entwickeln die Rahmenthese des doppelten Transformationsprozesses aus Pandemie-Nachwirkungen und generativer KI und leiten daraus die Dreiteilung des Bandes ab. Sie stellen die drei Themenbereiche vor und ordnen jeden der folgenden Beiträge mit einer kurzen inhaltlichen Vorschau einem davon zu. Die Einleitung dient damit zugleich als Lesehilfe für den selektiven Zugriff auf den Band.

Themenbereich 1: Zeitgemäßes Lehren, Lernen und Prüfen im KI-Zeitalter

Dieser erste und umfangreichste Block versammelt Beiträge, die Lehr-Lern-Prozesse und vor allem Prüfungen unter den Bedingungen generativer KI untersuchen.

2 Inwiefern sind die derzeitigen Prüfungsformate an Hochschulen zeitgemäß? Eine Studie aus Sicht der Studierenden an Hochschulen (Christian Kreidl & Ullrich Dittler)
Die Herausgeber ordnen zunächst Bedeutung, Funktionen und Gestaltungsformen von Prüfungen theoretisch ein, von mündlichen Prüfungen über Open-Book-Klausuren bis zu digitalen Formaten. Darauf folgt eine Befragung mit 728 verwertbaren Datensätzen von Studierenden aus Deutschland, Österreich und der Schweiz zu Inhalten, Gestaltung und Wirkung von Prüfungen. Die Ergebnisse zeigen unter anderem eine hohe Zustimmung zu Open-Book-Klausuren (über 64 Prozent) bei gleichzeitig kritischer Einschätzung, wie kompetenzorientiert die reale Prüfungspraxis tatsächlich ist.

3 Werden durch KI-Tools Masterarbeiten an Fachhochschulen obsolet? (Andreas Breinbauer)
Breinbauer ordnet Ziele und Anforderungen von Masterarbeiten im FH-Kontext ein und diskutiert Chancen und Risiken von KI-Tools bei ihrer Erstellung. Eine Befragung von Betreuenden an der FH des BFI Wien zeigt hohe KI-Vertrautheit, breite Nutzung durch Studierende und deutliche Effizienzgewinne, zugleich aber Sorgen um Eigenleistung, Deskilling und Qualität (Halluzinationen, erfundene Quellen). Als Handlungsempfehlung entwickelt er eine “neue Mündlichkeit”: Verteidigung, Disputation und der Weg zum Ergebnis rücken vor das schriftliche Endprodukt.

4 »To Bot or Not to Bot?« Potenziale und Grenzen KI-gestützter Lernbegleiter in der Hochschullehre (Nicole Kimmelmann, Stefan Probst & Dirk Riehle)
Auf Basis eines Design-Based-Research-Ansatzes untersucht das Team den Chatbot “Nÿt” in einem Online-Kurs an der FAU Erlangen-Nürnberg und trianguliert dazu die Perspektiven von Studierenden, Lehrendem und Entwicklerteam. Die Autoren verstehen den Bot als didaktisches Instrument, dessen Wirkung von der Einbettung ins Lehrkonzept abhängt. Daraus leiten sie konkrete Design-Prinzipien für den Einsatz vor, während und nach der Lehrveranstaltung ab.

5 ChatGPT im Hörsaal: Ruiniert KI die hochschulische Bildung? Beobachtungen und Thesen (Edith Littich)
Littich diskutiert in Form von Beobachtungen und Thesen, welche KI-Formen Studierende derzeit nutzen und was das für Motivation, Selbstwirksamkeit, Gedächtnisleistung und Kreativität bedeutet. Entlang von Konzepten wie Deskilling und dem “Google-Effekt” beschreibt sie das Spannungsfeld zwischen Zeitersparnis und der Verdrängung eigenständigen Problemlösens, ergänzt um ein eigenes Kapitel zu KI und Prüfungen. Ihr Fazit verschiebt die Verantwortung zur Person der Lehrenden: Gute Lehre werde durch KI wichtiger.

6 Assessment in der Hochschullehre in Zeiten generativer KI: Wie lässt sich ein Orientierungsrahmen für die Zukunft des Prüfens gestalten? (Sabine Seufert)
Seufert entwickelt ein Modell zweier komplementärer Assessmentlinien: Eine Linie sichert fachliche und methodische Kompetenzen KI-frei ab, die andere bewertet ausdrücklich die Mensch-KI-Kollaboration. Darauf aufbauend entwirft sie einen Orientierungsrahmen, der den KI-Einsatz im Assessment-Design, während der Leistungserbringung sowie für Feedback und Auswertung unterscheidet. Konkretisiert wird der Ansatz an der Reform des akademischen Schreibens an der Universität St. Gallen in einem Mastery-Learning-Setting.

7 Generative KI in Studium und Lehre: Welche Bedeutung hat fachliches Wissen für kritisches Denken? (Gabi Reinmann)
Reinmann geht der Frage nach, welche Rolle fachliches Wissen für kritisches Denken im Umgang mit generativer KI spielt, und stellt damit die verbreitete Tendenz infrage, Wissensvermittlung zugunsten allgemeiner “Future Skills” zurückzustellen. Mit Rückgriff auf die strukturgenetische Theorie des Wissens und die Expertiseforschung entwickelt sie den Weg vom Wissen zum kritischen Denken. Ihr Antwortversuch: Fachliches Wissen ist integraler Bestandteil kritischer Urteilsfähigkeit und gewinnt im KI-Zeitalter eher an Bedeutung.

8 Wie transformiert Künstliche Intelligenz die Hochschullehre an technischen Fachhochschulen? Standortbestimmung, Paradigmenwechsel und Implikationen (Sylvia Geyer)
Geyer, Rektorin der FH Technikum Wien, nimmt eine Standortbestimmung aus Sicht einer technischen Fachhochschule vor und beschreibt den Paradigmenwechsel von wissensvermittelnder zu prozessbegleitender Lehre. Sie rahmt ihn mit dem Leitmotiv des “digitalen Humanismus”, in dem der Mensch letztverantwortlich bleibt. Daraus leitet sie strategische Handlungsfelder für Hochschulen ab und schließt mit einem Ausblick auf das gesellschaftliche Potenzial technischer Fachhochschulen.

9 Der Einsatz systemischer Diagnose- und Analyse-Modelle: Inwiefern kann künstliche Intelligenz in der Hochschulentwicklung als Querschnittsaufgabe mit dem Einsatz systemischer Modelle unterstützt werden? (Michael Steiner, Martin Sankofi, Petra Szucsich & Klaus Himpsl-Gutermann)
Das Team kombiniert am Beispiel der Pädagogischen Hochschule Wien das Viable System Model mit einem soziotechnischen Modell, um KI-Transformation als Querschnittsaufgabe der Hochschulentwicklung zu verorten. Das VSM klärt, wo eine Maßnahme ansetzen muss, das soziotechnische Modell prüft, wie gut die technologischen, personellen und organisationalen Voraussetzungen erfüllt sind. Anhand mehrerer Anwendungsbeispiele zeigen die Autoren, wie sich beide Modelle in der Praxis ergänzen.

10 Kurzinterviews mit Unternehmensvertreterinnen und -vertretern (Christian Kreidl & Ullrich Dittler)
Fünf Personalverantwortliche aus Unternehmen wie Endress+Hauser, der DONAU Versicherung, Metz Connect und Iglo Austria beantworten dieselben sechs Fragen zu Stärken und Schwächen von Absolventinnen und Absolventen. Wiederkehrend genannt werden analytisches Denken und die Fähigkeit, das Lernen zu lernen, als Stärke sowie fehlender Praxisbezug und veraltete Inhalte als Schwäche. Die Interviews bilden die Brücke zum zweiten Themenbereich.

Themenbereich 2: Curriculumentwicklung, Future Skills und partizipative Formate

Der zweite Block verschiebt den Blick von der einzelnen Lehrveranstaltung auf die Studiengangs- und Curriculumebene und fragt nach Zukunftskompetenzen und partizipativen Entwicklungsformaten.

11 Gemeinsam gestalten statt verwalten: Wie können Curriculumswerkstätten Studiengänge verändern? (Sandra Hübner & Tobias Koppe)
Hübner und Koppe stellen das an der Hochschule Furtwangen entwickelte Format der Curriculumswerkstatt vor, das aus dem Projekt “SEG − Studiengänge erfolgreich gestalten” hervorging. Mit agilen Rollen (Product Owner, Scrum Master, Kernteam) werden Absolvierendenprofile, Modulmatrizen und Prüfungen iterativ und unter Einbindung der Studierenden entwickelt. Curriculumentwicklung wird so von einer individuellen Zusatzaufgabe zu einer institutionell getragenen Verantwortung.

12 Inwiefern kann Curriculumentwicklung an Hochschulen als Form der Organisationsentwicklung betrachtet werden? (Benno Volk)
Volk bestimmt zunächst die Begriffe und den Bezugsrahmen: Hochschulen als spezielle Organisationsform (Expertenorganisationen, lose gekoppelte Systeme), Governance und Studiengangsentwicklung. Darauf aufbauend liest er Curriculumentwicklung als Form der Hochschul- und Organisationsentwicklung und vergleicht beide Felder systematisch, unter anderem mit Rückgriff auf die Transformationsforschung von Kezar und Eckel und deren Fokus auf Sensemaking. Seine Kernaussage: Curriculare Innovationen scheitern selten an didaktischen Ideen, meist an fehlender organisationaler Integration, Abstimmung und Governance.

13 Hochschullehre im Wandel: Welche Kompetenzen braucht die Zukunft? (Doris Berger-Grabner)
Am Beispiel des Bachelorstudiengangs “Unternehmensführung und Digitales Management” der IMC Krems entwickelt Berger-Grabner eine Kompetenzmatrix, die vier Kompetenzfelder um zentrale Metakompetenzen als “Kompetenzen zweiter Ordnung” ergänzt. Sie stützt sich auf Konzepte der Kompetenzorientierung, transformativen Bildung und Third Mission und schließt mit einem Appell für mehr Mut in der Hochschuldidaktik.

14 »Echt jetzt?!« Wie verändert KI Haltung und Nutzung von Videos in Lehre und Forschung? (Andreas Hebbel-Seeger & Frank Vohle)
Die Autoren zeigen, dass KI-Werkzeuge für die Videoproduktion neue Möglichkeiten eröffnen, zugleich aber das Vertrauen in visuelle Evidenz herausfordern. Ausgehend von der konstruktiven Natur visueller Medien behandeln sie Potenziale und Risiken KI-generierter Videos sowie deren Einsatz als didaktisches Werkzeug, etwa zur Förderung kritischen Denkens. Mit Konzepten wie dem “Liar’s Dividend” und kalibriertem Vertrauen zwischen Über- und Untervertrauen beschreiben sie den Wandel als weniger technische denn kulturelle und epistemologische Frage.

15 Wie lässt sich Erfahrungswissen zur Gestaltung von (hybriden) Lernräumen hochschulübergreifend teilen? (Mareike Kehrer & Anne Thillosen)
Der Beitrag überträgt den Entwurfsmuster-Ansatz des Architekten Christopher Alexander auf die Gestaltung hybrider Lernräume und stellt ein Repositorium mit über 50 Gestaltungsbeispielen vor, das aus einem geförderten Verbundprojekt hervorging. Im Zentrum steht die Frage, wie implizites Erfahrungswissen so aufbereitet werden kann, dass andere Hochschulen die Übertragbarkeit auf ihren Kontext beurteilen können.

16 Kurzinterviews mit Hochschulabsolventinnen und -absolventen (Ullrich Dittler & Christian Kreidl)
Sieben Absolventinnen und Absolventen unterschiedlicher Jahrgänge und Fächer schildern ihren Blick auf das eigene Studium. Wiederkehrend sind das Lob der Praxisnähe (besonders an Fachhochschulen) und die Kritik an fehlenden Soft Skills und teils veralteten Inhalten. Die Interviews leiten inhaltlich zum dritten Themenbereich über.

Themenbereich 3: Didaktische Kompetenzentwicklung der Lehrenden und Rolle der Hochschuldidaktik

Der dritte Block nimmt die Professionalisierung der Lehrenden und die strategische Neupositionierung hochschuldidaktischer Einrichtungen in den Blick.

17 Wie kann Hochschuldidaktik Kompetenzen für den reflektierten Einsatz von KI und disruptiven Technologien fördern? (Thomas D’Souza)
D’Souza zeigt am Beispiel der landesweiten Geschäftsstelle für Hochschuldidaktik an den 24 Hochschulen für Angewandte Wissenschaften in Baden-Württemberg, wie ein gestuftes Qualifizierungsmodell in fünf Phasen Lehrende beim KI-Einsatz begleitet. Ergänzt wird es durch Praxis- und Transferformate wie die Online-Konferenz HAWAII, die 2025 über 900 Teilnehmende erreichte, sowie durch Veranstaltungs- und Teilnahmestatistiken der Jahre 2023 bis 2025. Abschließend reflektiert er die Rolle der Hochschuldidaktik bei der Einführung von Bildungstechnologien und plädiert dafür, sie über die Servicefunktion hinaus als Gestaltungsakteurin zu positionieren.

18 Teaching Analysis Poll − Alternative oder Ergänzung zur standardisierten Lehrveranstaltungsevaluation? (Alessandra Kenner)
Kenner stellt die Teaching Analysis Poll als moderierte qualitative Zwischenevaluation zur Semestermitte vor, grenzt sie von der standardisierten summativen Lehrveranstaltungsevaluation ab und beschreibt das konkrete Vorgehen an der FAU Erlangen-Nürnberg. Ausgewertet werden 25 Durchführungen aus der Perspektive von Lehrenden und Studierenden: Studierende erleben sich als mitgestaltend, Lehrende erhalten differenziertes Feedback. Als Grenze benennt der Beitrag den hohen Zeitaufwand, der einer flächendeckenden Anwendung entgegensteht.

19 Wie kann der Praxisbezug der Lehre durch selbsterstellte Interviewvideos gesteigert werden? (Fahad Al Rawi & Thomas Wala)
Der Erfahrungsbericht zeigt am Beispiel der FH Technikum Wien, wie selbst produzierte Videointerviews mit Praktikerinnen und Praktikern den Praxisbezug erhöhen und im Flipped-Classroom-Konzept eingesetzt werden. Die Autoren beschreiben die niedrigschwellige Produktionsinfrastruktur (One-Button-Studio) und argumentieren, dass sich der Aufwand über die Mehrfachnutzung amortisiert.

20 Wie lässt sich ein strategischer und didaktischer Umgang mit epistemischer Ungerechtigkeit in Wissenschaft und Hochschule gestalten? (Katharina Keil)
Keil überträgt Miranda Frickers Konzept der epistemischen Ungerechtigkeit auf die Hochschullehre und unterlegt die Analyse des Ist-Zustands mit statistischem Material zu Geschlechter-, Klassen- und Herkunftsungleichheiten in der Wissenschaft. Sie entwickelt ein Interventionsmodell auf drei Ebenen: diskriminierungssensible Gesprächsführung auf Seminarebene, Constructive Alignment und Kanondiversifizierung auf Fachebene sowie Partizipation, Zugänglichkeit und Beschwerdekultur auf institutioneller Ebene.

21 Welche Gestaltungsprinzipien einer konnektivitätsorientierten Didaktik unterstützen die lernortübergreifende Kompetenzentwicklung in dualen Studienprogrammen angesichts dynamischer Anforderungsprofile? (Florian Aubke, Peter Klinger & Edmund Panzenböck)
Am Beispiel des dualen Bachelorstudiums Tourismus-Management der FHWien der WKW argumentieren die Autoren, dass die Qualität dualer Programme weniger von der Existenz von Praxisphasen als von der didaktischen und organisatorischen Konnektivität zwischen den Lernorten abhängt. Sie entwickeln ein Implementationsdesign mit drei Phasen und einem Qualitätsentwicklungs-Loop nach Plan-Do-Check-Act.

Das Fazit

„Hochschulentwicklung der Zukunft“ ist ein aktueller, breit angelegter Herausgeberband, der die deutschsprachige Debatte über Lehre, Prüfungen und Qualitätsmanagement im Moment des doppelten Transformationsdrucks aus Pandemie-Nachwirkungen und generativer KI abbildet. Ein Buch, das vieles richtig macht und dessen Grenzen vor allem die Grenzen seines Formats sind.

Auf der Habenseite steht zunächst das empirische Fundament: Die Studierendenbefragung der Herausgeber mit 728 Datensätzen, Breinbauers Betreuenden-Befragung, die triangulierte Chatbot-Evaluation und die TAP-Auswertung verankern die Diskussion in Daten und heben den Band über den reinen Meinungs- und Erfahrungsbericht hinaus. Hinzu kommt die organisationale Perspektive, an der ich hängen geblieben bin: Volks Lesart der Curriculumentwicklung als Organisationsentwicklung und die Kombination aus Viable System Model und soziotechnischem Modell bei Steiner und Kollegen zeigen, dass die eigentliche Herausforderung der KI-Transformation eine organisationale ist. Der Band bleibt dabei selten abstrakt: Curriculumswerkstatt, Seuferts zwei Assessmentlinien, das gestufte Qualifizierungsmodell der GHD oder das Phasenmodell für duale Studiengänge sind Vorlagen, die sich mit Anpassung in die eigene Institution übertragen lassen. Die D-A-CH-Breite der Beiträge, von der technischen Fachhochschule bis zur Universität St. Gallen, ergibt zudem ein Panorama statt einer Einzelmeinung.

Dem stehen die erwartbaren Schwächen eines Sammelbands gegenüber: Zwischen methodisch sauberer Empirie und thesenbasierten Essays oder knappen Erfahrungsberichten liegen Welten hinsichtlich Belastbarkeit, ohne dass das Buch diese Unterschiede für die Leserschaft einordnet. Viele der stärksten Beiträge hängen an einer einzelnen Institution. Die Frage der Übertragbarkeit wird nur selten explizit reflektiert. Und die Rahmenthese vom doppelten Transformationsdruck wird nur zur Hälfte eingelöst, weil der KI-Strang klar dominiert und die Pandemie-Erfahrung eher als Vorgeschichte mitläuft.

Lesen sollte man den Band selektiv. Als Herausgeberband hat er keine einheitliche Stimme, die Sprachniveaus reichen vom nüchternen Studienbericht bis zum theoretisch anspruchsvollen Fachaufsatz, und einzelne Beiträge setzen hochschuldidaktisches Vorwissen voraus. Die Einleitung leistet hier wertvolle Orientierungsarbeit: Man liest sie zuerst und wählt dann gezielt die Beiträge aus, die zur eigenen Rolle passen. Zahlreiche Abbildungen, Modelle und Tabellen machen einige Kapitel zu brauchbaren Nachschlagewerken.

Un dos sei das Buch vor allem Hochschulleitungen, Studiengangs- und Prüfungsverantwortlichen sowie Hochschuldidaktikerinnen und Hochschuldidaktiker empfohlen, die einen empirisch grundierten Überblick und übertragbare Formate suchen. Auch Bildungsverantwortliche in Unternehmen sowie Beraterinnen und Berater im Organisationsentwicklungsumfeld finden hier ein instruktives Fallbeispiel dafür, wie eine Expertenorganisation mit hoher Autonomie ihrer Mitglieder eine disruptive Technologie in Governance, Curricula und Prüfungen einzuweben versucht. Wer dagegen eine geschlossene Monografie mit einer einzigen Kernthese oder technische Tiefe zu KI-Modellen und Prompting erwartet, greift besser zu einem anderen Buch. Wer außerhalb des Hochschulkontexts arbeitet, muss die Transferleistung selbst erbringen.

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