Im Jahre 2020, mitten in der Pandemie, stellte ein finnisches Forschungsteam eine Liste ins Netz: kleine Textilmarken, die reparieren, Reststoffe verarbeiten oder auf Langlebigkeit setzen. Am Ende standen 109 Marken darauf, die Boulevardpresse griff die Liste auf, und Firmeninhaber schrieben teils energische E-Mails, warum etwa ihre Schafwolle aus der Fleischproduktion als Reststoff zählen müsse. Eine neue Studie im Journal of Business Ethics nimmt diese Liste und ein zweites Instrument zum Anlass, eine verbreitete Annahme der Kooperationsforschung zu prüfen. Sie lautet, dass gemeinsame Arbeit an komplexen, wertgeladenen Themen vor allem Offenheit und Mehrdeutigkeit braucht.
Mehrdeutigkeit gilt als Bedingung der Zusammenarbeit
Die Forschung spricht von Boundary Objects, Grenzobjekten: Listen, Modelle, Skizzen oder Bewertungsraster, über die Gruppen mit unterschiedlichen Fachsprachen und Interessen gemeinsam arbeiten können.
Der Begriff geht auf eine Studie der Soziologin Susan Leigh Star und des Wissenschaftsphilosophen James Griesemer aus dem Jahr 1989 zurück. Die beiden untersuchten das Museum of Vertebrate Zoology in Berkeley, in dem zwischen 1907 und 1939 Wissenschaftler, Amateursammler, Trapper, Geldgeber und Verwaltung zusammenarbeiteten, obwohl sie ganz unterschiedliche Ziele verfolgten. Zusammengehalten wurde das Ganze durch Objekte: Präparate, standardisierte Fundformulare, Karten von Kalifornien. Star und Griesemer beschreiben solche Grenzobjekte als formbar genug für die Bedürfnisse jeder Gruppe und zugleich robust genug, um überall als dasselbe erkannt zu werden. Im gemeinsamen Gebrauch sind sie nur lose bestimmt, in der Arbeit jeder einzelnen Gruppe dagegen sehr genau. Star hat das 2010 rückblickend als Zusammenarbeit ohne Konsens beschrieben.
Die spätere Forschung hat daraus eine Spannung gemacht: Grenzobjekte funktionieren, weil sie zugleich vage genug für alle und konkret genug für jeden Einzelnen sind. Gerade bei Nachhaltigkeit plädieren viele Autoren zusätzlich für bewusst offene, vielstimmige Formulierungen. Jede Festlegung bevorzugt eine Sichtweise, und wer früh festlegt, verliert die anderen.
Die Daten aus den beiden finnischen Fällen zeigen etwas anderes. Die Unternehmen reagierten zuerst auf Klarheit. Statt über die Rangfolge von Wasserverbrauch, Chemikalien, Löhnen und Recycling zu verhandeln, prüften sie, ob sie Kriterien wie „Reparaturservice“ oder „nennenswerter Einsatz von Reststoffen“ erfüllen. Aus einer Firma heißt es erleichtert, endlich frage jemand konkret, ohne dass man vorher zwei Wochen recherchieren müsse. Die Autoren deuten das so: Ein Objekt, das die Komplexität vorab auf wenige Themen verdichtet, senkt die Schwelle, überhaupt ins Gespräch zu kommen. Die Verständigung beginnt also mit Vereinfachung.
Die Mehrdeutigkeit kommt danach und steckt im Objekt
Das zweite Instrument, die „Shades of Green“-Treppe, ordnet Produkte in fünf Kategorien (von Design bis Arbeitsbedingungen) drei Stufen zu. Über anderthalb Jahre und fünf Workshops haben 45 Firmen daran mitgearbeitet. Hier zeigt sich die zweite Phase. Sobald das Gespräch lief, wurde Mehrdeutigkeit produktiv, allerdings eine eingehegte. Die oberste, am wenigsten definierte Stufe „Sustainability Innovation“ löste die reichsten Ideen aus. Und an der Frage, ob ein langlebiges Mischgewebe schlechter dasteht als ein recyclebares Monomaterial, entzündete sich die fruchtbarste Debatte. Ihr Ergebnis: Haltbarkeit wiegt schwerer als Recyclingfähigkeit.
Hängen geblieben bin ich an der Herkunft dieser Mehrdeutigkeit. Sie entstand aus den Wertentscheidungen, die das Forschungsteam ins Objekt eingebaut hatte, etwa Langlebigkeit vor Recyclingfasern oder systemische Lösungen vor Schadensbegrenzung. Weil das Modell Position bezog, gab es etwas, woran man sich reiben konnte. Über das Verhältnis von Recycling und Haltbarkeit lässt sich nun einmal leichter streiten als über die Frage, ob Recycling die Textilindustrie überhaupt retten kann.
Zugleich wäre es zu einfach, daraus eine Regel abzuleiten. Die Studie ist qualitativ, beruht auf zwei Fällen aus den Jahren 2020 und 2021 in einem kulturell recht homogenen Umfeld, und zwei der Autorinnen haben die Objekte selbst mitentwickelt. Die Beteiligten teilten offenbar genug Grundwerte, damit ein nicht neutrales Objekt nicht als Vorentscheidung empfunden wurde. Ob das in konfliktreichen Lagen trägt, bleibt offen, ebenso, ob aus der gelungenen Verständigung später bessere Entscheidungen folgten.
Implikation
In Strategieprozessen und Transformationen beginnen wir gern mit dem weißen Flipchart, um niemanden festzulegen. Die Studie legt nahe, dass genau diese Offenheit die Schwelle erhöhen kann. Ein vorläufiges Modell mit erkennbarer Haltung senkt sie, solange die anderen es infrage stellen und umbauen dürfen. Die Autoren benennen den Preis offen: Wer das Objekt entwirft, übt Agenda-Setting-Macht aus und definiert das Spielfeld. Interessant ist auch die Gegenbewegung im Fall selbst. Nach wenigen Workshops wollten die Firmen ein fertiges Instrument, mit dem sie arbeiten können. Es kommt also auf das Timing an. Woran erkennt man den Moment, in dem ein Modell aufhört, eine Einladung zu sein, und zur Festlegung wird?
Quelle: Karelia Dagnaud, Minna Halme, Linda Lisa Maria Turunen, Jarkko Levänen, „Objects as Means of Sustainability Knowledge Co-Creation: Working on Value-Laden Issues Across the Research-Practice Boundary“, Journal of Business Ethics, 3. Oktober 2026 (Open Access). https://link.springer.com/article/10.1007/s10551-026-06478-3
Weitere Literatur:
- Susan Leigh Star, James R. Griesemer, „Institutional Ecology, ‚Translations‘ and Boundary Objects: Amateurs and Professionals in Berkeley’s Museum of Vertebrate Zoology, 1907−39“, Social Studies of Science 19(3), 1989, S. 387−420. https://doi.org/10.1177/030631289019003001
- Susan Leigh Star, „This is Not a Boundary Object: Reflections on the Origin of a Concept“, Science, Technology, & Human Values 35(5), 2010, S. 601−617. https://doi.org/10.1177/0162243910377624
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