Thought Bites - Oliver Mack xm-institute

Thought Bite: Die Agenten lesen mit

Bei Anthropic ist der Anteil der Junior-Einstellungen in den technischen Bereichen seit Anfang 2025 von 27 auf 9 Prozent gefallen. Das steht in einem Report, den das Unternehmen im Oktober 2026 über die eigene Belegschaft veröffentlicht hat. Code schreiben und Fehler suchen übernehmen dort zunehmend KI-Agenten, die inzwischen sechsmal so viele Stunden arbeiten wie die Menschen, die sie steuern. Bei der Auswahl achten die Hiring Manager entsprechend stärker auf Autonomie und Urteilsvermögen, weniger auf Fachwissen.

Diese Zahlen werden die Debatte über den Report bestimmen, und das zu Recht. Ich bin beim Lesen trotzdem an einer Randbemerkung über Meetings ohne Protokoll hängen geblieben. Sie zeigt, dass sich mit den Agenten mehr verschiebt als die Frage, wer eingestellt wird. Eine Organisation mit tief eingebauter KI verhandelt offenbar auch neu, was in ihr verborgen bleiben darf.

Kontext heißt Sichtbarkeit

Agenten arbeiten mit dem, was sie lesen können. Fällt eine Entscheidung im persönlichen Gespräch und landet nirgends eine Notiz, fehlt ihnen der aktuelle Stand, und sie arbeiten mit alten Annahmen weiter. Der Report schildert dazu einen fast komischen Fall: Eine Person, deren Name auf einem Monate alten Dokument über Werbeartikel stand, bekam von den Agenten weiter Anfragen nach T-Shirts und Tassen, lange nachdem die Zuständigkeit gewechselt hatte.

Die Schlussfolgerung der Autoren ist bemerkenswert nüchtern. Private Arbeit in nicht protokollierten Meetings und Direktnachrichten gilt bei Anthropic als unsichtbar, verwirrend und wird nicht gern gesehen. Eine Stimme aus der Forschung nennt das eine große Umstellung, weil Führungskräfte ihr Feedback nun offen vertreten müssen. Transparenz ist hier kein Kulturwert mehr, den man pflegt oder vernachlässigt. Sie ist eine Betriebsbedingung der Agenten.

Die Hinterbühne hat eine Funktion

Erving Goffman hat für den Raum, in dem Menschen ohne Publikum sprechen, den Begriff der Hinterbühne geprägt: Dort bereitet man sich vor, legt Rollen ab, sagt Unfertiges. Niklas Luhmann hat für Organisationen etwas Verwandtes beschrieben, die „brauchbare Illegalität“. Gemeint sind Abweichungen von formalen Regeln, die stillschweigend geduldet werden, weil die Organisation ohne sie nicht funktionieren würde. Das Vier-Augen-Gespräch, in dem jemand Zweifel äußert, gehört dazu, ebenso die Absprache, die offiziell nie stattgefunden hat.

Wird all das zur Kontextquelle für Agenten, ändert sich vermutlich zuerst, was gesagt wird. Auf der Hinterbühne darf ein Gedanke unfertig sein. Man probiert einen Einwand aus, äußert einen Verdacht, den man noch nicht belegen kann, oder testet eine Idee an einer Kollegin, bevor sie in die große Runde geht. Wer damit rechnen muss, dass jedes Wort zum Input eines Systems wird und dort womöglich Monate später wieder auftaucht, äußert solche Gedanken erst, wenn sie vorzeigbar sind. Oder gar nicht. Für eine Organisation ist das teuer, weil schwache Signale gerade in diesem frühen, ungeschützten Stadium am meisten wert sind.

Der Report liefert selbst einen Hinweis, wie wichtig dieser Raum bleibt. Wer Fehlern nachgeht, stößt nach Aussage eines Mitarbeitenden zunehmend auf organisatorische und systemische Probleme, die menschliches Zusammenkommen, Entscheiden und Governance brauchen. Solche Fragen klärt man selten im ersten Anlauf vor Publikum.

Hier schließt sich für mich auch der Kreis zu den Junior-Stellen. Gelernt wird in Organisationen zu einem guten Teil auf der Hinterbühne: in der Frage, die man im Meeting nicht stellen mochte, im Feedback beim Kaffee, in der Einordnung, warum eine Entscheidung wirklich so gefallen ist. Wenn gleichzeitig weniger Nachwuchs eingestellt wird und der informelle Raum schrumpft, trifft das dieselbe Stelle zweimal. Der Report stellt diese Verbindung nicht her, sie ist meine Vermutung. Ich halte sie aber für naheliegend, zumal die Hiring Manager ausgerechnet Urteilsvermögen suchen, eine Fähigkeit, die selten in Dokumenten entsteht.

Wohin das Informelle ausweicht

Man könnte annehmen, dass die Hinterbühne einfach verschwindet. Wahrscheinlicher ist, dass sie umzieht. Das heikle Gespräch wandert ins Telefonat, auf den Spaziergang oder in den privaten Messenger, also in Kanäle, die weder protokolliert noch erwünscht sind. Was bisher als brauchbare Illegalität geduldet war, wird damit zur echten Regelverletzung. Die Agenten wiederum arbeiten mit einem Bild der Organisation, das noch stärker von ihrer Vorderbühne geprägt ist, von dem also, was offiziell gesagt und aufgeschrieben wurde. Mehr Anspruch auf Transparenz kann so zu weniger tatsächlicher Sichtbarkeit führen.

Auffällig ist eine Spannung im Report selbst. Die Meetingzeit des mittleren Mitarbeiters ist binnen eines Jahres um 20 Prozent gestiegen, und strategische Fragen werden in Debatten und Besprechungen entschieden, mit wenig Beteiligung der Agenten. Der menschliche Abstimmungsraum wächst, und mit ihm der Druck, ihn für die Maschine lesbar zu machen.

Damit verschiebt sich auch Macht. Wer bestimmt, was in den Kontext der Agenten eingespeist wird, bestimmt mit, welche Version der Organisation sie für zutreffend halten. Die Zahl der schriftlichen Daueranweisungen für Agenten ist bei Anthropic binnen eines Jahres von einigen Hundert auf 8.500 gestiegen. Das T-Shirt-Beispiel lässt sich auch umgekehrt lesen: Wer ein Dokument schreibt, legt Zuständigkeiten fest, die die Agenten so lange weitertragen, bis jemand sie aktiv korrigiert. Und der Satz über offen vertretenes Feedback hat eine Kehrseite. Kritik vor Publikum kostet Gesicht, bei dem, der sie bekommt, und oft auch bei dem, der sie äußert. Ich vermute, dass manche Führungskraft sie deshalb eher abschwächt, als sie offen auszusprechen.

Zugleich wäre es zu einfach, darin nur einen Verlust zu sehen. Die Hinterbühne ist auch der Ort für Machtspiele, Ausschluss und Entscheidungen, für die später niemand geradestehen will. Offen vertretenes Feedback kann fairer sein als das Urteil, das im Flur gefällt wird. Und Anthropic ist ein Sonderfall: jung, rasant gewachsen, mit breiter Mitarbeiterbeteiligung am Unternehmen. Das lässt sich nicht einfach auf einen Mittelständler übertragen.

Implikation

Bisher haben Führungskräfte selbst entschieden, was formal festgehalten wird und was informell bleibt. Diese Grenze war ein Gestaltungsmittel, oft ein unterschätztes. Mit Agenten wird sie zur Frage der Infrastruktur, und der Sog geht klar in Richtung Sichtbarkeit. Wer KI einführt, sollte die Grenze deshalb bewusst ziehen, bevor die Werkzeuge sie ziehen. Das kann heißen, geschützte Räume ausdrücklich zu vereinbaren, statt stillschweigend darauf zu vertrauen, dass es sie schon geben wird. Offen bleibt, welche Gespräche eine Organisation ausdrücklich vor ihren eigenen Agenten schützen muss.

 

Quelle:

Nathan Wilmers, Regina Catipon, Maxim Massenkoff, Peter McCrory, „How Employment is Changing at Anthropic“, The Anthropic Institute, Technical Report, 16. Oktober 2026. https://anthropic.com/research/employment-at-anthropic

 

meGPT