Wofür systemische Strukturaufstellungen?

Danke für all die Reaktionen (per eMail und Nachrichten) auf meinen letzten Blogbeitrag zur Wirksamkeit von Strukturaufstellungen. Zu recht stellten einige Leser die Frage, was Strukturaufstellungen eigentlich sind, wofür denn Strukturaufstellungen wirksam sind und wo man sie denn wirksam im Business kontext einsetzen kann. Da das Instrument im Businesskontext hinsichtlich seiner Verbreitung noch nicht in die Standard-Toolbox gehört, liefere ich hiermit noch ein paar Gedanken nach.

Was sind Systemische Strukturaufstellungen?

Um zu beschreiben, was systemische Strukturaufstellungen eigentlich sind, folge ich hier dem Ansatz meiner Schule, bei der ich meine Ausbildung genießen durfte – dem SySt-Institut in München, gegründet von Matthias Varga von Kibéd und Insa Sparrer und inzwischen durch Elisabeth Ferrari speziell im Bereich Business verstärkt.

SySt(r) steht für systemische Strukturaufstellung. Diese hat ihren Ursprung stark in der Tradition der systemischen Psycho-/ und Familientherapie und fühlt sich u.a. der lösungsfokussierten Schule von Inso Kim Berg und Steve de Shazer, der sogennanten Solution Focused Therapy (SFT) oder Solution Focused Consulting (SFC) verpflichtet. Kurz zusammengefasst (ausführlicher in Sparrer, 2010) wurde diese Beratungsmethodik entwickelt, um Klienten möglichst schnell helfen zu können und zügig weg von einer Problemdiskussion und -analyse, hin zu einer Lösungsentwicklung zu kommen. Dies verkürzte z.B. die Psychotherapiezeiten signifikant. Idee ist hierbei ist, dass Problem und Lösung prinzipiell unabhängig voneinander sind und daher ohne Problemanalyse gleich an Lösungen gearbeitet werden kann.

“Die Tatsachen gehören alle nur zur Aufgabe, nicht zur Lösung.” (Wittgenstein, 2003)

Dieser Ansatz kann im Gespräch angewendet werden, in der Therapie aber auch im Business, doch dazu später mehr. Systemische Strukturaufstellungen setzen darauf auf und können als eine Art Transversale Sprache verstanden werden (Sparrer, 2010). Sie wurde entwickelt von Matthias Varga von Kibéd und Insa Sparrer. Idee ist, Strukturen von Systemen räumlich aufzustellen und so dem Mandanten zu helfen, ein besseres Bild von einer Situation sowie zu möglichen Lösungsansätzen zu bekommen. Unbewusst hat dies schon einmal jeder von uns eingesetzt. Wenn am Stammtisch Biergläser als Repräsentanten für den Freundeskreis oder die Familie herhalten müssen, oder im Büro die Kaffeetassen helfen, einem Kollegen die schwierige Situation mit dem Chef und der anderen Abteilung zu erklären, so machen wir eine Art systemische Aufstellung. Und bestenfalls werden bei systemischen Strukturaufstellungen “Personen als Kaffeetassen” verwendet, die dann vom Auftraggeber im Raum aufgeteilt werden und so Hinweise zum betrachteten System geben. Dies wirkt auf den ersten Blick vielleicht aufwendig und etwas eigenartig, besonders im Business Kontext, hat aber einige Vorteile, da die “lebendigen Kaffeetassen” nützliche Hinweise zu Zuständen des Systems und Lösungen geben können. SySt, wie systemische Strukturaufstellung auch kurz genannt wird, bietet nun unterschiedliche Formate an, mit denen unterschiedliche Themen/ Aspekte visualisiert/thematisiert werden können, wie z.B. die Problemaufstellung, die Glaubenspolaritätenaufstellung, etc.

Wie sind Systemische Strukturaufstellungen im Business einsetzbar?

Im Business lassen sich systemische Strukturaufstellungen vielfältig einsetzen. In ihrer Reinform als echte Aufstellung mit Personen oder eher in kleineren Teilen kann sie in Workshops oder Beratungsgesprächen Verwendung finden. Ich nutze sie gerne bei Strategieworkshops, um Ressourcen und Marktsituation sowie die Vision zu verdeutlichen und so zügig und klar den Veränderungsbedarf der Organisation gemeinsam mit dem Führungsteam abzuleiten. Auch nutze ich sie gerne zur Teamentwicklung, bei Projekt-Krisenworkshops oder Konfliktworkshops. Die Einsatzgebiete sind vielfältig und bei wiederholter Anwendung findet werden immer mehr nützliche Einsatzfelder deutlich. Persönlich nutze ich SySt selten in seiner vollen Aufstellungsform. Oft nutze ich die Formate, um Workshops oder Gespräche zu erleichtern und dem Kunden eine Vorgehensweise anzubieten, die ihn schneller zu einer klareren Sicht verhilft.

Welche Benefits gibt es?

Systemische Strukturaufstellungen sind im Business noch nicht sehr weit verbreitet. Oft wirkt es befremdlich, Probleme, Strategie und Themen in einer Form zu bearbeiten, bei der Personen als Elemente des Systems im Raum aufgestellt werden. Doch haben Kunden einmal die Eleganz und Wirkung erlebt, und sei es nur durch kleinere Workshopinterventionen, so kommen sie in der Regel gerne auf den Ansatz zurück. Die Vorteile liegen für mich vor allem in einem sehr schnellen und universellen Ansatz, der dem Kunden hilft, zügig und mit wenig Beraterunterstützung Lösungen für seine Themen zu finden. Auch wenn es für mich manchmal als Berater schöner wäre, 20-30 Tage mehr Analyse und Konzeptentwicklung in einem Beratungsprojekt zu verkaufen, der Kunde honoriert mir i.d.R. diese kompakte wirksame Arbeitsweise bei geringeren Gesamtprojektkosten mit einer hohen Kundenzufriedenheit und einer hohen Loyalität und der Einladung auch bei weiteren Projekten unterstützend zur Seite zu stehen.

Literatur

Sparrer, I. (2010), Einführung in die Lösungsfokussierung und Systemische Strukturaufstellungen, 2. Auflage, Carl-Auer Heidelberg 2010.

Wittgenstein, L. (2003), Tractatus logico-philosophicus. Logisch-philosophische Abhandlungen. Suhrkamp Frankfurt/M. 2003.

Wikipedia (2015), Systemische Strukturaufstellung, https://de.wikipedia.org/wiki/Systemische_Strukturaufstellung, 20.12.2015.

2016-01-05T17:37:01+00:00

About the Author:

Oliver Mack
Dr. Oliver Mack ist Berater, Speaker, Entrepreneur und Forscher im Bereich moderner innovativer Managementmethoden und -konzepte. Er beschäftigt sich vorrangig mit Themen wie Projektorientiertes Unternehmen, Organisationsdesign, Change-Management und Komplexität. Er ist Dozent an verschiedenen internationalen Hochschulen und Autor zahlreicher Fachartikel und Gründer des xm:institutes.

2 Comments

  1. Elisabeth Ferrari December 22, 2015 at 22:19 - Reply

    In der (neuen) Ausgabe 8 von SyStemischer (www.systemischer.com) beschreibt Insa Sparrer die Entwicklungsgeschichte von SySt und geht dabei auch auf die Bedeutung der logischen Schemata ein. Gerade das es logische Schemata sind, erleichtert nach meiner Erfahrung die Arbeit im Business Kontext erheblich.
    Hier gerne ein Auszug aus dem Artikel

    Ein wesentlicher Vorteil der logischen Basierung besteht darin, dass wir bes-ser einschätzen können, was bei einem Thema berücksichtigt werden sollte bzw. welche Aspekte für ein Thema relevant sein könnten.
    Mit einem logisch fundierten Schema weiß man eher, welche Elemente in welcher Reihenfolge bei einem Thema in einer Aufstellung im Prinzip infrage kommen. Wir bekommen so begründete Ideen, welche Fragen in einem Vorinterview noch zu stellen wären, um das Anliegensystem möglichst voll-ständig zu erfassen.
    Dass man in anderen Aufstellungsschulen nicht auf die Logik zurückgegrif-fen hat, hängt sicher auch damit zusammen, dass diese zunächst in einem therapeutischen Kontext gearbeitet haben. In der Therapie stehen persönli-che Probleme im Vordergrund, und meistens wird die Familie als relevanter Hintergrund angesehen. Also hat man die Klienten mit ihren persönlichen Problemen im Kontext der Familie betrachtet.
    (…)
    Wegen der vielen in Strukturaufstellungen verwendeten Strukturen aus der Logik genügt oft ein kurzes lösungsfokussiertes Gespräch vor der Aufstel-lung, um die relevanten Teile herauszufiltern. Ausgehend von dem Anliegen wählen wir die logische Struktur, die am ehesten dazu passt und klären im Gespräch die Namen, die die Teile des Formats, die uns die Logik liefert, in diesem spezifischen Fall haben. Ist die Grundstruktur z. B. ein Dilemma, erkunden wir, wie die Namen für die beiden Seiten des Dilemmas lauten. (Es sei denn, man möchte verdeckt arbeiten.) Kann jemand diese über-haupt nicht benennen, dann braucht es vielleicht ein anderes Format oder zunächst ein längeres lösungsfokussiertes Gespräch, um das Anliegen klarer zu erarbeiten.
    Mit den Schemata gehen wir also schneller in die transverbale Sprache der SySt über und bearbeiten in ihr die Themen, die man sonst in der verbalen lösungsfokussierten Sprache bearbeiten würde. Da die transverbale Sprache zwar die verbale umfasst, aber über sie hinausgeht, können wir manchmal so schneller zu Lösungen kommen.

  2. omadmin9569St December 23, 2015 at 15:29 - Reply

    Liebe Elisabeth,
    vielen Dank für Deine vertiefenden Infos. Für alle, die die Zeitschrift SyStemischer noch nicht kennen, hier noch die Bezugsquelle, ohne dass man sie googeln muss. Ich kann die Zeitschrift sehr empfehlen, auch für jemanden der sich nicht rein mit Aufstellungsarbeit beschäftigt!
    http://www.systmedia.de/systemischer

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