Implementierungsschwäche oder Konzeptproblem?

Implementierungsschwäche oder Konzeptproblem?

Paradigma Lebendiger Systeme“Wir sind gut in der Konzeptarbeit, haben aber ein ernsthaftes Umsetzungsproblem!” – das höre ich immer häufiger bei meinen Kunden im Rahmen meiner Beratungsprojekte. Viele Unternehmen entwickeln sehr gute und ausgefeilte Konzepte, intern über Stäbe, Support-Bereiche oder ausgewählte Mitarbeiter in den operativen Bereichen oder auch extern mit Hilfe klassischer Beraterunterstützung. Doch alles Papier der Konzeptarbeit hilft nichts. Erst mit der Praxis kommt die Veränderung tatsächlich in Gang. Leicht wird dann das “Implementierungsproblem” als Mangel identifiziert, den es zu beheben gilt. Veranstaltungen zur Mitarbeitermotivation, Teamentwicklung, Trainings, Change Unterstützung und anderes wird “verordnet”, in der Hoffnung, dass nun endlich die guten Ideen auch in die Tat umgesetzt werden. Doch auch diese Ansätze sind häufig nicht von Erfolg gekrönt. Ob es wirklich an der Umsetzung lieg oder ob es andere Ursachen haben kann, hinterfragen nur Wenige.

Je intensiver ich mich mit dem Thema im Beratungsalltag beschäftige, umso mehr komme ich zum Schluss, dass oft die Konzepte und nicht die Umsetzung das Problem zu sein scheinen: Vielen Konzepten liegt, so sind wir Betriebswirte dies gewohnt und auch über unsere MBA und Studienprogramme so geschult, ein sehr mechanistisches Unternehmensbild zu Grunde. In der Tradition der Industrialisierung sehen oft Führungskräfte Unternehmen noch als technische Systeme, die analytisch und direktiv gesteuert werden können. So versuchen wir weiterhin verzweifelt Prozessmanagement, Technisches Qualitätsmanagement, Six Sigma und Lean auf nichtdeterministische Prozesse außerhalb der Produktion anzuwenden und wundern uns, warum dies auf viel Widerstand und Ablehnung stößt.

In der Wissenschaft gibt es bereits seit den 70er Jahren einen Blick auf Unternehmen, der ein anderes Paradigma zu Grunde legt: Die Systemtheorie, die Theorie komplexer adaptiver Systeme, die Chaosforschung und Komplexitätstheorie. All diese sehen Unternehmen aus einer Brille heraus, die eine Top-Down Steuerungsillusion zugunsten einer eingeschränkteren Sichtweise der Selbstorganisation und Kontextsteuerung verwirft. Dies führt zu völlig anderen Tools zur Analyse, zur Konzeptentwicklung und zur Implementierung im Unternehmen. Eine bekannte, inzwischen sehr erfolgreich im spezifischen Umfeld der Softwareentwicklung eingesetzte Variante an Tools ist das Agile Projektmanagement. Dies ist jedoch nur eine sehr kleine Facette des derzeit vorhandenen Repertoires an Methoden im Umgang mit Komplexität und zur Steuerung komplexer Systeme, die sich signifikant von der Steuerung technischer Systeme unterscheidet.

Es geht also weniger darum, noch härter zu versuchen, bestimmte Konzepte nun endlich im Unternehmensalltag zu implementieren und die “Widerstände” der Mitarbeiter zu “brechen”, als vielmehr einmal über einen Paradigmenwechsel nachzudenken. Dieser führt zu völlig neuen Ansätzen, die eher Selbststeuerung als Top-Down Direktive vorsehen oder die eher iteratives Vorgehen als Detailkonzeptentwicklung und -implementierung denken.

Widerstände sind hierbei nicht unüblich, wie uns die Geschichte lehrt: Ptolemäus entwickelte ein erdzentriertes Weltbild für die Bewegung der Himmelskörper, welches zunächst einige Aspekte nicht erklären konnte. Dieses wurde dann immer mehr verfeinert, von zunächst kreisförmigen Bahnen, über eliptische Bahnen bis hin zu epizyklischen Bahnen. Dies aber immer ohne von der Erdzentrierung abzuweichen. Das Modell half in ausreichendem Maße bei der Seenavigation und unterstützte ebenso auch die Kirche, der die Erde als Mittelpunkt des Universums sehr gut ins Bild passte. Mit Copernicus entstand dann im 15 Jh. ein anderes, viel einfacheres Erklärungsmodell, das die Sonne ins Zentrum des Planetensystems stellte und so viel einfacher alle Planetenbahnen erklären konnte. Doch erst die praktische Anwendung durch Tycho Brahe‘s exakte Aufzeichnungen zu Himmelskonstellationen verhalfen dem copernikanischen Weltbild zum Durchbruch.

In dieser Tradition hoffe ich auch eine gute Verbreitung des in unserer Arbeit verwendeten Bildes von Unternehmen als komplexe lebendige soziale Systeme durch die Erfolge, die sich bei Führungs-, Management- und Veränderungsprozessen hiermit erzielen lassen. Auch das xm:institute mit allen Unterstützern soll hierzu seinen Beitrag leisten.

2016-11-04T17:21:22+00:00

About the Author:

Oliver Mack
Dr. Oliver Mack ist Berater, Speaker, Entrepreneur und Forscher im Bereich moderner innovativer Managementmethoden und -konzepte. Er beschäftigt sich vorrangig mit Themen wie Projektorientiertes Unternehmen, Organisationsdesign, Change-Management und Komplexität. Er ist Dozent an verschiedenen internationalen Hochschulen und Autor zahlreicher Fachartikel und Gründer des xm:institutes.

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