Gut gefragt ist halb verstanden… – Die Repertory Grid Idee

Gut gefragt ist halb verstanden… – Die Repertory Grid Idee

Gut gefragt ist halb verstanden… – Die Repertory Grid Idee

von Oliver Mack und Karin Peters

1. Fragen sind Kommunikation und liefern dennoch oft keine ausreichende Information

Warum fragen wir? Warum gerade so und nicht anders? Fragen sind ein wesentlicher Teil der Kommunikation. Verstehen wir Kommunikation mit Luhmann als “Synthese dreier Selektionen, als Einheit aus Information, Mitteilung und Verstehen, so ist Kommunikation realisiert, wenn und soweit das Verstehen zustande kommt” (Luhmann 1987, P. 203), so wird klar, dass Kommunikation immer auf die Generierung von Wissen und Auflösung von Nichtwissen ausgelegt ist, da Kommunikation sonst als bloßes überflüssiges Geschwätz abgetan werden kann. (Willke 2011, P. 63) Fragen nehmen in der Kommunikation eine wichtige Rolle ein, da sie die Kommunikation gezielt lenken. Bereits im Ausspruch „Wer fragt, der führt!“ ist implizit diese Annahme enthalten, die sich kritisch auf die Ergebnisse und damit die Antworten auf die Fragen auswirkt. Doch was möchte man tatsächlich mit Fragen erfahren und was kann man mit Fragen erfahren.
Nach der Art der Information, die mit ihnen gewonnen werden soll, lassen sich Einstellungs- oder Meinungsfragen, Überzeugungsfragen, Verhaltensfragen oder Eigenschaftsfragen unterscheiden. Doch die Antworten auf all diese Fragen sind nicht objektiv, sondern immer subjektiv von den persönlichen Konstrukten der jeweiligen Person und dem Kontext geprägt. Hierbei helfen auch die oft verwendeten Theoriekonstrukte nichts, die den teilweise quantitativen Erhebungen mit Skalenfragen zu Grunde liegen. Frage ich offen nach den Kulturunterschieden zweier Unternehmen, so werde ich unterschiedlichste Antworten erhalten. Doch auch wenn mir jemand ein Unternehmen als „konservativ“ beschreibt, so weiß ich noch nicht, was er genau damit meint. Ist für ihn „konservativ“ eher negativ belegt und das Gegenteil von „innovativ“ oder ist es eher positiv das Gegenteil von „risikant“?
Das spannende an der Repertory Grid Methode von Kelly ist es nun, nicht nur auf die Antworten als Einordnung in ein vorgegebenes Raster zu hören, sondern auf eine eher syntaktische Komponente zu fokussieren. Man fragt nicht nach einem Wert auf einer vordefinierten Skala zwischen zwei festgelegten Polen, sondern man erfragt von der Person zunächst die Pole der Skala selbst und verdeutlicht dabei die subjektive Wortbedeutung über die Beschreibung des Gegenpols (z.B. frei vs. geborgen/langweilig/abhängig). Dies hilft, sowohl einen Zugang zur eigenen Konstruktwelt (subjektive Welt des Befragten) zu finden als auch die der Anderen besser zu verstehen. Wenn es darum geht die sehr individuellen „Landkarten“ auf denen wir uns bewegen für uns selbst und andere sichtbar zu machen, um darüber kommunizieren zu können, hilft diese Fragetechnik sehr. Wir finden einen Zugang zu unseren eigenen Konstrukten, indem wir Ähnlichkeiten und Unterschiede in Bezug auf dritte Personen, Gegenstände, Orte etc. beschreiben.

2. Das Fragen nach der Kelly Methode

Ein interessantes Anwendungsbeispiel ist es nun, die Reflexion von Führungswerten aus der Sicht einer Person oder des gesamten Unternehmens besser verstehen zu wollen. Die Kollegen werden als unterschiedlich in ihren Führungs-Kompetenzen wahrgenommen, doch wie? Um hier die Konstrukte der Person ergründen zu können, wählt man zunächst die Elemente, die etwas mit der Forschungs-Frage zu tun haben (in unserem Beispiel Herr Müller, Herr Mayer, Frau Schulz, Frau Bauer). Dann stellt man die „magische Frage“ der Repertory Grid Methode: „In welcher Art sind zwei der Elemente ähnlich zueinander aber unterscheiden sich von einem Dritten?“ oder „Nennen sie mir etwas, das zwei Elemente gemeinsam haben, sich aber von einem Dritten unterscheidet?“.
Als Antwort erhält man z.B. „ Herr Müller und Herr Mayer sind direkt, Frau Schulz ist diplomatisch“ oder „Herr Müller und Frau Schulz sind sachlich, Frau Bauer ist emotional.“ Oder „Herr Müller und Frau Bauer sind karriereorientiert und Herr Mayer kooperativ.“ Oder „Herr Mayer und Frau Bauer sind teamorientiert, Herr Müller ist Einzelkämpfer“, u.s.w. Die identifizierten Begriffspaare können nun in einem weiteren Schritt als klassische Skalenfrage verwendet werden, um alle Elemente im persönlichen Konstrukt einzuordnen:

[custom_table]
Pol 1 Pol 2
Direkt …………………………………. Diplomatisch
Sachlich …………………………………. Emotional
Karriereorientiert …………………………………. Kooperativ
Teamorientiert …………………………………. Einzelkämpfer
[/custom_table]

Man hat damit nicht nur die verschiedenen Elemente differenziert sondern ergänzend ebenso das mentale Konstrukt zur Unterscheidung der Personen vor dem Hintergrund der Ursprungsfrage miterhoben.

3. Vorteile der Repertory Grid Methode von Kelly

Das Verfahren hat zahlreiche Vorteile, in der einfachen Alltagsnutzung bis hin zur ausgefeilten Analyse der vollständigen Grids über viele Personen hinweg:

  • Interviewter selbst: Bereits durch die Befragung nach Begriffspaaren erhält der Befragte selbst einen besseren Eindruck über seine mentalen Konstrukte und deren Zuordnung.
  • Interviewer-Interviewter: Durch die trennend-verbindende Frage erhält der Interviewer einen Einblick in das mentale Konstrukt des Interviewten und kann dies mit seinem eigenen mentalen Modell abgleichen. In unserem Beispiel könnte sich meine ursprüngliche Idee der Polarität signifikant von der des Interviewten unterscheiden; wählt der Interviewte die Unterscheidung sachlich-emotional könnte meine Differenzierung sachlich-politisch lauten. Dies hilft unterschiedliche Denkweisen sichtbar zu machen und löst die Erkenntnisse vom individuellen Mind Model des Interviewers/ Beraters.
  • Unterschiede zwischen Interviewten: Das Verfahren kann auch Unterschiede zwischen den Interviewten deutlich machen. Spielt man diese Unterschiede an eine Interviewten-Gruppe zurück und arbeitet z.B. in einem Workshop gezielt mit diesen, so werden unterschiedliche Mind Models deutlich und helfen Unterschiede in einer Gruppe besser zu verstehen.
  • Gemeinsame übergeordnete Konstrukte: Auf einer höheren Ebene kann das Verfahren dabei helfen, übergeordnete Konstrukte zu identifizieren. Aggregiert man viele Interviews, z.B. in einer Organisation und wertet diese mit statistischen Verfahren aus, so erhält man neben einer valideren Einordnung einzelner Elemente unabhängig vom individuellen mentalen Konstrukt auch eine Möglichkeit, Konstrukte einer höheren Ebene zu identifizieren, wie sie z.B. in einer gemeinsamen Unternehmenskultur deutlich werden.

Ein nützliches Verfahren, das viele Einsatzgebiete in unserer Beratungspraxis findet. Viel Spass beim Nachdenken ob auch sie Anwendungsfelder identifizieren. Wir freuen uns auch über Rückmeldungen, Fragen, Kommentare.

Literatur

Kelly, G.A., 1955, The psychology of personal constructs. Norton, New York (Neuauflage 1991)
Luhmann, N., 1987. Soziale Systeme. Grundriß einer allgemeinen Theorie., Frankfurt a. M.: Suhrkamp.
Willke, H., 2011. Einführung in das systemische Wissensmanagement, Heidelberg: Carl-Auer-Systeme Verlag.
n.n., o.J. http://www.enquirewithin.co.nz, abgerufen am 13.10.2012.

Karin Peters ist Beraterin in den Bereichen Human Resources und öffentliche Verwaltung mit Sitz in Bremen
Oliver Mack ist Berater und Coach von Führungskräften in den Bereichen strategisches Projekt- und Programm-Management, Organisation der Zukunft und Change mit Sitz in Wien

2016-11-04T17:21:37+00:00

About the Author:

Oliver Mack
Dr. Oliver Mack ist Berater, Speaker, Entrepreneur und Forscher im Bereich moderner innovativer Managementmethoden und -konzepte. Er beschäftigt sich vorrangig mit Themen wie Projektorientiertes Unternehmen, Organisationsdesign, Change-Management und Komplexität. Er ist Dozent an verschiedenen internationalen Hochschulen und Autor zahlreicher Fachartikel und Gründer des xm:institutes.

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